Rauhe Nächte – Teil 2

Abend-Besinnungen in der Weihnachtszeit vom 01. bis 06. Januar

von Andreas Wandtke-Grohmann, Gemeindedienst der Nordkirche


Diese Zeit ist eine besondere: „Zwischen den Jahren“ sagt man dazu. Für viele beginnt hier die Pause im Jahreslauf, das schlussendliche Aufatmen. Das große Fest ist geschafft – und das neue Jahr hat noch nicht angefangen. Zwischen dem Vergehenden und dem Kommenden: eine ausgesonderte, besondere Zeit. Diese Schwellenzeit ist Zeit für mich, Zeit im Übergang, um die inneren Angelegenheiten zu ordnen.

Und die melden sich häufig von selbst: in den Träumen in den langen, dunklen Nächten. Die Trennwände zwischen Wachen und Träumen werden durchlässig. Und da regen sich nicht nur Ängste und Dunkelheiten – auch das Helle und Helfende will sich zeigen. Es ist gut, dem Aufmerksamkeit zu schenken. Und sich neu zu gründen in dem, was trägt auch in unsicheren Zeiten. Sich neu auszurichten auf das Licht, das im Dunkel geboren wird. Und damit in ein neues Jahr zu gehen. In diesem Jahr ist vieles noch ein wenig stiller als sonst. Keine großen Konzerte und Gottesdienste in den Kirchen, weniger große Treffen im Familien- und Freundeskreis. Vieles werden Sie vermissen. Und doch ist da eine Chance, wesentlicher zu werden. Klarer und bewusster. Sie können selber diese Zeit gestalten mit dem, was Ihnen hilft und entspricht. Für jeden Abend gibt es hier einen kleinen biblischen Impuls: eine Anregung, dem ein wenig nachzusinnen.

Zu Hause

Machen Sie sich das zum Geschenk: einen täglichen Moment, um zur Besinnung zu kommen. Am Abend mit einer Kerze. Beim Heimkommen nach dem Spaziergang durch Wind und Wetter. Vielleicht mit einer kleinen Musik vorweg. Aufrecht sitzend auf einem Kissen oder in ihrem Lieblingssessel. Geben Sie dieser Zeit einen Rahmen, einen Anfang und ein gutes Ende. „Amen“ kann man da sagen am Schluss oder „Segen für alle“.

Als Andacht in der Kirche

Man kann sich dafür auch mit anderen zu einer kleinen Andacht treffen in der Kirche, abends um 18 Uhr zum Beispiel. Mit einer kleinen Gruppe, die als Team verantwortlich für diese Andacht ist. Der Ablauf ist beispielsweise so:

  • Eröffnung
  • Musik
  • Impuls für den Tag
  • Schweigen
  • Gebet und Segen
  • Musik

Die Impulse für die einzelnen Tage gibt es auf den folgenden Seiten oder unten im Download. Mehr „Liturgien der Verheißung“ gibt es hier zu finden.

Rauhe Nächte – Teil 1

Abend-Besinnungen in der Weihnachtszeit vom 26. bis 31. Dezember

von Andreas Wandtke-Grohmann, Gemeindedienst der Nordkirche


Diese Zeit ist eine besondere: „Zwischen den Jahren“ sagt man dazu. Für viele beginnt hier die Pause im Jahreslauf, das schlussendliche Aufatmen. Das große Fest ist geschafft – und das neue Jahr hat noch nicht angefangen. Zwischen dem Vergehenden und dem Kommenden: eine ausgesonderte, besondere Zeit. Diese Schwellenzeit ist Zeit für mich, Zeit im Übergang, um die inneren Angelegenheiten zu ordnen.

Und die melden sich häufig von selbst: in den Träumen in den langen, dunklen Nächten. Die Trennwände zwischen Wachen und Träumen werden durchlässig. Und da regen sich nicht nur Ängste und Dunkelheiten – auch das Helle und Helfende will sich zeigen. Es ist gut, dem Aufmerksamkeit zu schenken. Und sich neu zu gründen in dem, was trägt auch in unsicheren Zeiten. Sich neu auszurichten auf das Licht, das im Dunkel geboren wird. Und damit in ein neues Jahr zu gehen. In diesem Jahr ist vieles noch ein wenig stiller als sonst. Keine großen Konzerte und Gottesdienste in den Kirchen, weniger große Treffen im Familien- und Freundeskreis. Vieles werden Sie vermissen. Und doch ist da eine Chance, wesentlicher zu werden. Klarer und bewusster. Sie können selber diese Zeit gestalten mit dem, was Ihnen hilft und entspricht. Für jeden Abend gibt es hier einen kleinen biblischen Impuls: eine Anregung, dem ein wenig nachzusinnen.

Zu Hause

Machen Sie sich das zum Geschenk: einen täglichen Moment, um zur Besinnung zu kommen. Am Abend mit einer Kerze. Beim Heimkommen nach dem Spaziergang durch Wind und Wetter. Vielleicht mit einer kleinen Musik vorweg. Aufrecht sitzend auf einem Kissen oder in ihrem Lieblingssessel. Geben Sie dieser Zeit einen Rahmen, einen Anfang und ein gutes Ende. „Amen“ kann man da sagen am Schluss oder „Segen für alle“.

Als Andacht in der Kirche

Man kann sich dafür auch mit anderen zu einer kleinen Andacht treffen in der Kirche, abends um 18 Uhr zum Beispiel. Mit einer kleinen Gruppe, die als Team verantwortlich für diese Andacht ist. Der Ablauf ist beispielsweise so:

  • Eröffnung
  • Musik
  • Impuls für den Tag
  • Schweigen
  • Gebet und Segen
  • Musik

Die Impulse für die einzelnen Tage gibt es auf den folgenden Seiten oder unten im Download. Mehr „Liturgien der Verheißung“ gibt es hier zu finden.

Fermentierte Küchenabfälle vererden

Bokashi mit Pflanzenkohle – Teil 2

von Dr. Inga Hillig-Stöven, Projektkoordinatorin


Nach etwa 2-4 Wochen Lagerung bei ca. 20 Grad ist der Bokashi gereift (längere Lagerzeiten im Eimer sind kein Problem). Die fermentierten Küchenabfälle können nun in die Erde gegeben werden, damit ihre Nährstoffe vom Boden aufgenommen werden und Humus gebildet werden kann. Der in den Abfällen/ in der Pflanzenkohle enthaltene Kohlenstoff kann so im Boden gebunden werden.

Der weißliche Belag ist das Myzel der Hefen, die sich im Bokashi vermehrt haben. Der Bokashi riecht säuerlich (ähnlich wie Sauerkraut). Sollte er stark faulig stinken, sind die Abfälle nicht fermentiert sondern verdorben, dann bitte nicht vererden.

Um den Bokashi in den Boden zu geben, wird eine Furche spatentief ausgehoben und der Bokashi darin verteilt. Der Bokashi hat einen sauren pH-Gehalt.

Wichtig! Zarte Pflanzenwurzeln können durch den sauren Bokashi beschädigt werden, daher den Bokashi nicht direkt an der Pflanze ausbringen, sondern mit etwa 10 cm Abstand. Die Mikroorganismen und Regenwürmer im Boden verwerten die Abfälle und verteilen sie im Boden, so dass die Pflanzenwurzeln sie dann aufnehmen können.

alle Fotos von Inga Hillig-Stöven

Die fermentierten Küchenabfälle müssen im Anschluss wieder mit Erde bedeckt werden. Im Herbst/ Winter den Boden gerne zusätzlich mit Blättern bedecken. Sie können den Bokashi auch kreisförmig an einzelnen Punkten im Gartenboden einbringen. Das Vererden der Küchenabfälle ist abhängig von der Temperatur und dauert nur wenige Wochen. Den Eimer sollten sie nicht reinigen, um die darin noch enthaltenen Milchsäurebakterien und Hefen für Ihre nächsten Küchenabfälle zu nutzen.

Es ist ein sehr schönes Gefühl, die unter viel CO2-Einsatz produzierten und transportierten Lebensmittel/ Lebensmittelreste so zu nutzen, dass ich sie meinem Boden zurückgeben kann und aktiv Kohlenstoff im Boden gebunden wird. Mein Boden wird dadurch fruchtbarer und ich trete in kleinen Schritten dem Klimawandel entgegen und helfe den CO2-Gehalt in der Atmosphäre zu senken.

Küchenabfälle konservieren – Humus aufbauen

Bokashi mit Pflanzenkohle – Teil 1

von Dr. Inga Hillig-Stöven, Projektkoordinatorin


In diesem Beitrag stelle ich vor, wie einfach Küchenabfälle so konserviert werden können,
dass sie wiederverwertet und dem Boden zurückgeführt werden können, um Humus aufzubauen. Dazu benötigt frau ein Gefäß, das luftdicht verschlossen werden kann. Ich habe einen 5l Eimer wiederverwertet, in dem Sahne verkauft wurde.

Und Küchenabfälle jeglicher Art: zerkleinerte Gemüse- und Obstschalen, aber auch gekochte Reste aus Milch-, Fleisch- und Fischgerichten, Kaffee- und Teesatz.
Nicht verwenden sollten Sie: verschimmelte Nahrung, Eierschalen und Knochen.

Das Ziel ist es, die Küchenabfälle zu fermentieren und somit zu konservieren, damit die darin enthaltenen Nährstoffe erhalten bleiben und sie nach der Fermentation wieder dem Boden zugefügt werden können.
Diese Fermentation wird angeregt, wenn man die Küchenabfälle mit einem Becher Joghurt, etwas Natursauerteig, Brottrunk oder milchsauergegorenem Sauerkrautsaft „impft“.
Die Bakterien und Hefen mögen gerne Zuckerhaltiges. Zu Beginn der Fermentation also z.B. etwas Zuckerrübensirup (1-2 EL) dazugeben. Entscheidend ist nun, dass das Gefäß Luftdicht verschlossen wird.

2-3 Tage sollte das Gefäß bei mindestens 20-25 Grad Celsius gelagert werden, um das Wachstum der Milchsäurebakterien und Hefen zu unterstützen. Direkte starke Sonneneinstrahlung mögen die Mikroorganismen nicht. Wenn sie kälter gelagert werden, verlängert sich die Fermentationsdauer.

alle Fotos von Inga Hillig-Stöven

Sie können den Bokashi stetig mit neuen Küchenabfällen befüllen. Zu 20% sollte auch Pflanzenkohle in den Bokashi geschichtet werden. Achten Sie darauf, die Küchenabfälle und die Pflanzenkohle im Gefäß zu verdichten, um kleine Lufteinschlüsse zu vermeiden. Die Pflanzenkohle kann selbst hergestellt oder gekauft werden. Sie ist zum einen wichtig, damit die entstehenden, sehr fruchtbaren Sickersäfte aufgesogen werden. Zum anderen ist in der Pflanzenkohle sehr viel Kohlenstoff gespeichert. Bei der Vererdung des Bokashis ensteht so sehr wertvoller Humus.

Der vollständig gefüllte Bokashi-Eimer muss 2-4 Wochen unter Ausschluss von Sauerstoff reifen. Der gechlossene Eimer riecht neutral. Der Inhalt soll säuerlich (ähnlich wie Sauerkraut) riechen. In einem nächsten Beitrag zeige ich Ihnen dann, worauf frau achten muss, wenn der Inhalt des Bokashi-Eimers vererdet werden soll.


Bunt sind schon die Gärten….

Wohin mit dem Laub?

von Dr. Inga Hillig-Stöven, Projektkoordinatorin


Haben Sie auch so viele Blätter? In diesem Jahr haben die Bäume ihre Blätter aufgrund des stürmischen Wetters zügig verloren. Wohin damit?

Verwenden Sie die Blätter doch zum Mulchen bzw. Abdecken Ihrer Beete. So wird verhindert, dass der Boden im Winter vernässt oder tief durchfriert. Er wird zusätzlich vor Erosion geschützt und aus dem verottenden Laub bildet sich wertvoller Humus.

#hoffnungsleuchten

Licht für den Ewigkeitssonntag


Wer sich nach Licht sehnt, ist nicht lichtlos, denn die Sehnsucht ist schon Licht.

Bettina von Arnim

Das Licht der Herrlichkeit scheint mitten in der Nacht. Wer kann es sehen? Ein Herz, das Augen hat und wacht.

Angelus Silesius

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit Gottes geht auf über dir!

Jesaja 60,1

Licht ins Dunkel!

Radiogottesdienst zum Evangelischen Frauensonntag 2020


Der Radiogottesdienst zum bundesweiten Evangelischen Frauensonntag sollte eigentlich im April gefeiert werden. Wie überall kam auch hier Corona dazwischen. Vor zwei Wochen aber, noch vor dem zweiten Lockdown, konnte der Gottesdienst aus der Kirche St. Severin in Ilberstedt in Sachsen-Anhalt live vom Mitteldeutschen Rundfunk übertragen werden. Jetzt ist er als Stream nachzuhören.⬇

Elke Maier „Luna Vista _ Eine Begegnung zwischen Himmel und Erde“ Künstlerische Raumintervention aus feinstem weißen Baumwollgarn (ca. 40.000 m) im Turm von Schloss Bruck, Lienz/ Tirol (2007) [(c)Elke Maier für das abgebildete Kunstwerk und das Foto]

Der diesjährige Gottesdienst zum Ev. Frauensonntag trägt den Titel „Lasst euer Licht leuchten!“ und scheint sein Hoffnungslicht mitten hinein in die November- und Corona-Tristesse. Im Zentrum steht ein Text aus der Bergpredigt: Ihr seid das Licht der Welt. Die Stadt hoch auf dem Berg kann sich nicht verstecken. Niemand zündet ein Licht an und stellt es dann unter einen Krug. Es wird vielmehr auf den Leuchter gesetzt. Dann leuchtet es für alle, die im Haus sind. So soll auch euer Licht den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Gott im Himmel loben.1 Dieses bekannte Jesuswort regt dazu an, das Phänomen Licht in seinen vielen Facetten zu ergründen und so den biblischen Text buchstäblich zum Leuchten zu bringen. In drei Zeugnissen von Frauen wird ihr Erleben in der aktuellen Situation der Corona-Pandemie aufgegriffen und ins Licht des biblischen Textes gestellt. 

St. Severin in Ilberstedt

Die Liturgin des Radiogottesdienstes war Oberkirchenrätin Ramona Eva Möbius, die Solistin Yvonne Swillus (beide aus der Ev. Landeskirche Anhalts). Die Predigt hielt Carola Ritter, leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland.

Und hier gibt es den Gottesdienst zum Nachhören: MDR KULTUR – Radiogottesdienst aus der Kirche St. Severin in Ilberstedt

Die Arbeitshilfe zum Frauensonntag der Evangelischen Frauen in Deutschland gibt es hier:

  1. Mt 5,14-16, Bibel in gerechter Sprache, 2006

Aus dem Leben einer Tomatenpflanze

Neues von Paulinchen


„Keine ist so schön wie Paulinchen! Samtig-weich und zugleich ein wenig kitzlig fühlt es sich an, wenn ich sie berühre. Das Zusammenspiel der Farben, das dunkle Flaschengrün und mit dem zart leuchtenden Gelb, kleidet sie wunderbar. Ich schaue jeden Tag nach ihr. Seit genau sechs Monaten begleitet sie mein Leben.

Paulinchen ist meine Tomatenpflanze. Es ist die erste Tomatenpflanze, die ich nicht auf dem Wochenmarkt gekauft, sondern selber aus einem winzigen Samenkorn gezogen habe. Anfang Februar habe ich sie auf der Frauendelegiertenkonferenz der Nordkirche gepflanzt. Den Wunsch ein praktisches und niedrigschwelliges Projekt zum Klimaschutz ins Leben zu rufen, haben Frauen aus der ganzen Nordkirche bei der Abschlussandacht bekräftigt. Dabei hat jede einen winzigen Tomatensamen in ein kleines Töpfchen Erde gesteckt. Die Saat, die mir zufiel, hatte den Namen Paulinchen.

In meinem Auto zog das Töpfchen von Marne nach Kiel um und fand seinen Platz auf unserem Küchentisch. Ab und zu eine kleine Portion Wasser! Keine Zeit für mehr Zuwendung, das Einräumen der Wohnung war dringlicher.  Ein freudiger Schauer durchfuhr mich, als ich tatsächlich die allerersten winzigen Blättchen auf der braunen Erde entdeckte – kleiner als Stecknadelköpfe. Das soll eine Tomate werden? Na, wenn das man kein Unkräutlein ist, das da so schnell aus dem Nichts auftaucht. Weiter gießen, viel Geduld, dann mein großer Schrecken: die beiden Keimblätter verfärben sich gelb, werden welk, also doch mehr brauner Damen und zu viel Umzug! Das war‘s dann wohl! Auf dem Topf prangte der Aufkleber mit dem Jahresthema der Frauenarbeit – „Mut wächst!“. Paulinchen schien der Mut zum Wachsen verlassen zu haben. Meine Hoffnung sank in den Keller. Diese kleinen gelben Blättchen welkten viele Tage vor sich hin. Sollte ich mehr Wasser geben oder doch lieber weniger? Ich war ratlos und ließ – fast wie zur Beerdigung meines Projektes – etwas Kaffeesatz in das Töpfchen rieseln. Mein Mann trinkt bekanntlich „Lazaruskaffee“, also ein Gebräu, das Tote aufzuerwecken vermag.

Bei Paulinchen klappte es. Mitten in der tiefsten Verunsicherung des Corona-Lockdowns zeigte sie das erste zauberhafte Tomatenblättchen mit den typischen Einkerbungen und einem zarten Flaum auf tiefgrünem Grund. Ich war verzückt. Von da an wuchs mein Mut, mich trotz Corona in dieser Wohnung und dieser Stadt einleben zu können mit jedem Millimeter, den mein Tomatenpflänzchen zulegte. Es kamen kleine Rückschläge. Paulinchen forderte meine Geduld. Um Ostern herum zweifelte ich, ob ich jemals eine Tomate würde ernten können, so winzig war dieses Pflänzchen immer noch, aber darauf kam es mir gar nicht mehr an. Paulinchen war für mich längst mehr geworden als eine Nutzpflanze. Vor einem halben Jahr war es für mich total unvorstellbar, dass aus dem Samenkorn so ein Dschungel von grünen Blättern wachsen würde. Jetzt blüht Paulinchen leuchtend gelb auf unserem Balkon. Eigentlich sollten schon Tomaten zu sehen sein, die sich freundlich röten und ernten lassen. Ich weiß – ich hätte wohl noch mehr ausgeizen sollen. Egal – es geht hier nicht um die Größe meiner Ernte! Hier ist eine Beziehung in mein Leben getreten, die etwas mit Sorge und Verantwortung zu tun hat, nicht nur einseitig, sondern sogar gegenseitig. Diese Pflanze hat dafür gesorgt, dass mein Mut gewachsen ist und meine Hoffnung gestärkt wurde.“

Katja Hose [im August 2020]

Und reif ist Paulinchen doch geworden – trotz Umzug, Rückschlägen, zu wenig Sonne und braunem Daumen, trotz oder wegen „Lazarus-Kaffee“, mit viel Geduld, Liebe und Mut. Und, wenn ich das richtig behalten habe, dann macht die alten, samenfesten Sorten ja gerade so stark, dass sie gegen ungünstige äußere Einflüsse resistenter sind. 🙂 Die Saat fürs neue Jahr ist auch schon gewonnen. Herzlichen Glückwunsch, Katja! [FP]

Mutmach-Lied für den Herbstanfang

Closer to Fine

von Franziska Pätzold, Frauenwerk der Nordkirche


Manchmal kann es in dieser Zeit hilfreich sein (mal abgesehen von Corona) nicht alles, was im Leben schief läuft, gleich als Krise einzustufen. So halten es jedenfalls die Indigo Girls. Die beiden Musikerinnen Emily Saliers und Amy Ray aus Atlanta in den USA machen seit über 30 Jahren gemeinsam Musik und sind genau so lang auch politisch aktiv. Frauenrechte und die Rechte von Lesben und Schwulen in Amerika sind nur zwei Themen auf ihrer Agenda.

In einem ihrer größten Hits „Closer to Fine“ von 1989 (!) singen sie von der beständigen Suche nach dem Sinn des Lebens; nach dem, was endlich heil und gut und vollkommen macht. Sie zählen dabei auf, was sie alles auf sich nehmen, um diesen einzig wahren Sinn zu finden bis sie schließlich zu der Erkenntnis gelangen, dass es ihnen umso besser geht, je weniger sie danach suchen.

Indigo Girls live in New York City, 2015 [by will is via Flickr]

Ich bin eher zufällig auf die Indigo Girls aufmerksam geworden und für mich sind sie eine echte Entdeckung, was mich wiederum nachdenklich macht. Ohne den Anspruch zu haben (pop-) musikalisch umfassend gebildet zu sein, stellt sich mir die Frage, warum diese Musikerinnen und ihre Musik nich bekannter sind. Warum hatten sie nicht ähnliche oder annähernd so große Erfolge wie bspw. R.E.M., die aus derselben Gegend in Georgia stammen und aus derselben „Zeit“ und mit denen die Indigo Girls auch musikalisch zusammengearbeitet haben? An der Klasse ihrer Musik kann es jedenfalls nicht liegen, denn die ist mitreißend, tiefgründig, mutmachend und ganz offensichtlich zeitlos.

Wahrscheinlich liegt der Grund für die relative Unbekanntheit der Indigo Girls gemessen am Grad ihres Könnens und ihres Talents irgendwo hier verborgen: Frauen mit Gitarren – Frauen mit Gitarren, die Punkrock und Folkpop verbinden – Frauen mit Gitarren, die Punkrock und Folkpop verbinden und nicht dem gängigen, vermarktbaren Schönheitsideal entsprechen – Frauen mit Gitarren, die Punkrock und Folkpop verbinden, nicht dem gängigen, vermarktbaren Schönheitsideal entsprechen und Christinnen sind – Frauen mit Gitarren, die Punkrock und Folkpop verbinden, nicht dem gängigen, vermarktbaren Schönheitsideal entsprechen, Christinnen und lesbisch sind – Frauen mit Gitarren, die Punkrock und Folkpop verbinden, nicht dem gängigen, vermarktbaren Schönheitsideal entsprechen, Christinnen, lesbisch und politisch aktiv sind. So groß ist keine Schublade der Popindustrie.

Vielleicht sind die Indigo Girls genau deshalb heute noch da. Nirgendwo ganz hineinzupassen und dazuzugehören kann ja auch ein Segen sein. Bleibt festzuhalten: R.E.M. gibt es nicht mehr, die Indigo Girls schon und in diesem Frühjahr ist mit „Look Long“ ihr 15. Studioalbum erschienen. Über die Jahre haben sie sich, vor allem in den USA, eine treue Fangemeinde erspielt – aufgrund ihrer facettenreichen Musik, aufgrund ihres vielfältigen politschen Engagements und aufgrund ihrer mutmachenden Echtheit.

Indigo Girls – Closer to Fine (Live at the Fillmore, 2000)

Closer to Fine von Indigo Girls

I’m tryin‘ to tell you somethin‘ ‚bout my life (Ich versuche, dir etwas über mein Leben zu erzählen.)
Maybe give me insight between black and white (Vielleicht kannst Du mir Einsicht geben in die Zwischenräume.)
And the best thing you’ve ever done for me (Und das Beste, das du jemals für mich getan hast,…)
Is to help me take my life less seriously (…ist, mir zu helfen, mein Leben weniger ernst zu nehmen.)
It’s only life after all, yeah (Es ist schließlich nur Leben.)

Well darkness has a hunger that’s insatiable (Aber die Dunkelheit ist unersättlich…)
And lightness has a call that’s hard to hear (…und die Leichtigkeit oft zu leise.)
I wrap my fear around me like a blanket (Ich wickle mich in meine Angst wie in eine Decke.)
I sailed my ship of safety ‚til I sank it (Ich segle mein Sicherheits-Schiff bis ich es zum Kentern bringe.)
I’m crawling on your shores (Ich rette mich an deine Küste.)

And I went to the doctor, I went to the mountains (Ich ging zum Arzt, ich ging in die Berge.)
I looked to the children, I drank from the fountains (Ich nahm mir ein Vorbild an den Kindern, ich trank aus den Brunnen.)
There’s more than one answer to these questions (Es gibt mehr als eine Antwort auf diese Fragen…)
Pointing me in a crooked line (…die mich umtreiben/ beugen.)
And the less I seek my source for some definitive (Und je weniger ich die Quelle des einzig wahren Sinns suche,…)
The closer I am to fine, yeah (…umso besser geht’s mir.)
The closer I am to fine, yeah

And I went to see the doctor of philosophy (Ich traf einen Doktor der Philosophie.)
With a poster of Rasputin and a beard down to his knee (Der hatte ein Poster von Rasputin und einen Bart, der ihm bis zu den Knien reichte.)
He never did marry or see a B-Grade movie (Er hat nie geheiratet und nie einen zweitklassigen Film gesehen.)
He graded my performance, he said he could see through me (Er bewertete mein Aufreten und sagte, er könne durch mich hindurch sehen.)
I spent four years prostrate to the higher mind (Ich verbrachte vier Jahre damit, die höhere Bewusstseinsebene zu erreichen,…)
Got my paper and I was free (…dann erhielt ich eine Teilnahmebestätigung und war frei.)

I went to the doctor, I went to the mountains…

I stopped by the bar at three a.m. (Um drei Uhr nachts ging ich in eine Bar,…)
To seek solace in a bottle, or possibly a friend (…um Trost im Alkohol zu suchen, oder vielleicht einen Freund.)
And I woke up with a headache like my head against a board (Ich wachte auf mit Kopfschmerzen, als hätte ich meinen Kopf gegen ein Brett geschlagen…)
Twice as cloudy as I’d been the night before (…und war doppelt so benommen wie in der Nacht zuvor…)
And I went in seeking clarity (…als ich in die Bar kam, um Klarheit zu suchen.)

I went to the doctor, I went to the mountains…

Yeah, we go to the Bible, we go through the work out (Wir lesen in der Bibel, wir trainieren hart.)
We read up on revival, we stand up for the lookout (Wir lesen alles über Erweckung/ Wiederkehr, wir stehen auf Wachposten.)
There’s more than one answer to these questions (Es gibt mehr als eine Antwort auf die Fragen,…)
Pointing me in a crooked line (…die mich umtreiben/ beugen.)
And the less I seek my source for some definitive (Und je weniger ich nach der Quelle des einzig wahren Sinns suche,…)
The closer I am to fine (…umso besser geht’s mir.)
The closer I am to fine
The closer I am to fine, yeah

Songwriter: Amy Elizabeth Ray / Emily Ann Saliers; Songtext von Closer to Fine © Universal Music Publishing Group

Es war gut! Und jetzt?

Schöpfungsgeschichte und Klimakrise

von Katja Hose, Frauenwerk der Nordkirche


Keine ist so schön wie Paulinchen! Samtig-weich und zugleich ein wenig kitzlig fühlt es sich an, wenn ich sie berühre. Das Zusammenspiel der Farben, das dunkle Flaschengrün und mit dem zart leuchtenden Gelb, kleidet sie wunderbar. Ich schaue jeden Tag nach ihr. Seit genau sechs Monaten begleitet sie mein Leben.

„Paulinchen“ im August [Foto: Katja Hose]

Paulinchen ist meine Tomatenpflanze. Es ist die erste Tomatenpflanze, die ich nicht auf dem Wochenmarkt gekauft, sondern selber aus einem winzigen Samenkorn gezogen habe. Anfang Februar habe ich sie auf der Frauendelegiertenkonferenz der Nordkirche gepflanzt. Den Wunsch ein praktisches und niedrigschwelliges Projekt zum Klimaschutz ins Leben zu rufen, haben Frauen aus der ganzen Nordkirche bei der Abschlussandacht bekräftigt. Dabei hat jede einen winzigen Tomatensamen in ein kleines Töpfchen Erde gesteckt. Die Saat, die mir zufiel, hatte den Namen Paulinchen.

In meinem Auto zog das Töpfchen von Marne nach Kiel um und fand seinen Platz auf unserem Küchentisch. Ab und zu eine kleine Portion Wasser! Keine Zeit für mehr Zuwendung, das Einräumen der Wohnung war dringlicher.  Ein freudiger Schauer durchfuhr mich, als ich tatsächlich die allerersten winzigen Blättchen auf der braunen Erde entdeckte – kleiner als Stecknadelköpfe. Das soll eine Tomate werden? Na, wenn das man kein Unkräutlein ist, das da so schnell aus dem Nichts auftaucht. Weiter gießen, viel Geduld, dann mein großer Schrecken: die beiden Keimblätter verfärben sich gelb, werden welk, also doch mehr brauner Damen und zu viel Umzug! Das war‘s dann wohl! Auf dem Topf prangte der Aufkleber mit dem Jahresthema der Frauenarbeit – „Mut wächst!“. Paulinchen schien der Mut zum Wachsen verlassen zu haben. Meine Hoffnung sank in den Keller. Diese kleinen gelben Blättchen welkten viele Tage vor sich hin. Sollte ich mehr Wasser geben oder doch lieber weniger? Ich war ratlos und ließ – fast wie zur Beerdigung meines Projektes – etwas Kaffeesatz in das Töpfchen rieseln. Mein Mann trinkt bekanntlich „Lazaruskaffee“, also ein Gebräu, das Tote aufzuerwecken vermag.

„Paulinchen“ im April [Foto: Katja Hose]

Bei Paulinchen klappte es. Mitten in der tiefsten Verunsicherung des Corona-Lockdowns zeigte sie das erste zauberhafte Tomatenblättchen mit den typischen Einkerbungen und einem zarten Flaum auf tiefgrünem Grund. Ich war verzückt. Von da an wuchs mein Mut, mich trotz Corona in dieser Wohnung und dieser Stadt einleben zu können mit jedem Millimeter, den mein Tomatenpflänzchen zulegte. Es kamen kleine Rückschläge. Paulinchen forderte meine Geduld. Um Ostern herum zweifelte ich, ob ich jemals eine Tomate würde ernten können, so winzig war dieses Pflänzchen immer noch, aber darauf kam es mir gar nicht mehr an. Paulinchen war für mich längst mehr geworden als eine Nutzpflanze. Vor einem halben Jahr war es für mich total unvorstellbar, dass aus dem Samenkorn so ein Dschungel von grünen Blättern wachsen würde. Jetzt blüht Paulinchen leuchtend gelb auf unserem Balkon. Eigentlich sollten schon Tomaten zu sehen sein, die sich freundlich röten und ernten lassen. Ich weiß – ich hätte wohl noch mehr ausgeizen sollen. Egal – es geht hier nicht um die Größe meiner Ernte! Hier ist eine Beziehung in mein Leben getreten, die etwas mit Sorge und Verantwortung zu tun hat, nicht nur einseitig, sondern sogar gegenseitig. Diese Pflanze hat dafür gesorgt, dass mein Mut gewachsen ist und meine Hoffnung gestärkt wurde.