Es war gut! Und jetzt?

Schöpfungsgeschichte und Klimakrise

von Katja Hose, Frauenwerk der Nordkirche


Keine ist so schön wie Paulinchen! Samtig-weich und zugleich ein wenig kitzlig fühlt es sich an, wenn ich sie berühre. Das Zusammenspiel der Farben, das dunkle Flaschengrün und mit dem zart leuchtenden Gelb, kleidet sie wunderbar. Ich schaue jeden Tag nach ihr. Seit genau sechs Monaten begleitet sie mein Leben.

„Paulinchen“ im August [Foto: Katja Hose]

Paulinchen ist meine Tomatenpflanze. Es ist die erste Tomatenpflanze, die ich nicht auf dem Wochenmarkt gekauft, sondern selber aus einem winzigen Samenkorn gezogen habe. Anfang Februar habe ich sie auf der Frauendelegiertenkonferenz der Nordkirche gepflanzt. Den Wunsch ein praktisches und niedrigschwelliges Projekt zum Klimaschutz ins Leben zu rufen, haben Frauen aus der ganzen Nordkirche bei der Abschlussandacht bekräftigt. Dabei hat jede einen winzigen Tomatensamen in ein kleines Töpfchen Erde gesteckt. Die Saat, die mir zufiel, hatte den Namen Paulinchen.

In meinem Auto zog das Töpfchen von Marne nach Kiel um und fand seinen Platz auf unserem Küchentisch. Ab und zu eine kleine Portion Wasser! Keine Zeit für mehr Zuwendung, das Einräumen der Wohnung war dringlicher.  Ein freudiger Schauer durchfuhr mich, als ich tatsächlich die allerersten winzigen Blättchen auf der braunen Erde entdeckte – kleiner als Stecknadelköpfe. Das soll eine Tomate werden? Na, wenn das man kein Unkräutlein ist, das da so schnell aus dem Nichts auftaucht. Weiter gießen, viel Geduld, dann mein großer Schrecken: die beiden Keimblätter verfärben sich gelb, werden welk, also doch mehr brauner Damen und zu viel Umzug! Das war‘s dann wohl! Auf dem Topf prangte der Aufkleber mit dem Jahresthema der Frauenarbeit – „Mut wächst!“. Paulinchen schien der Mut zum Wachsen verlassen zu haben. Meine Hoffnung sank in den Keller. Diese kleinen gelben Blättchen welkten viele Tage vor sich hin. Sollte ich mehr Wasser geben oder doch lieber weniger? Ich war ratlos und ließ – fast wie zur Beerdigung meines Projektes – etwas Kaffeesatz in das Töpfchen rieseln. Mein Mann trinkt bekanntlich „Lazaruskaffee“, also ein Gebräu, das Tote aufzuerwecken vermag.

„Paulinchen“ im April [Foto: Katja Hose]

Bei Paulinchen klappte es. Mitten in der tiefsten Verunsicherung des Corona-Lockdowns zeigte sie das erste zauberhafte Tomatenblättchen mit den typischen Einkerbungen und einem zarten Flaum auf tiefgrünem Grund. Ich war verzückt. Von da an wuchs mein Mut, mich trotz Corona in dieser Wohnung und dieser Stadt einleben zu können mit jedem Millimeter, den mein Tomatenpflänzchen zulegte. Es kamen kleine Rückschläge. Paulinchen forderte meine Geduld. Um Ostern herum zweifelte ich, ob ich jemals eine Tomate würde ernten können, so winzig war dieses Pflänzchen immer noch, aber darauf kam es mir gar nicht mehr an. Paulinchen war für mich längst mehr geworden als eine Nutzpflanze. Vor einem halben Jahr war es für mich total unvorstellbar, dass aus dem Samenkorn so ein Dschungel von grünen Blättern wachsen würde. Jetzt blüht Paulinchen leuchtend gelb auf unserem Balkon. Eigentlich sollten schon Tomaten zu sehen sein, die sich freundlich röten und ernten lassen. Ich weiß – ich hätte wohl noch mehr ausgeizen sollen. Egal – es geht hier nicht um die Größe meiner Ernte! Hier ist eine Beziehung in mein Leben getreten, die etwas mit Sorge und Verantwortung zu tun hat, nicht nur einseitig, sondern sogar gegenseitig. Diese Pflanze hat dafür gesorgt, dass mein Mut gewachsen ist und meine Hoffnung gestärkt wurde.

Andacht am Pfingstsonntag

Sie weht, wo sie will.

Von Katja Hose, Frauenwerk der Nordkirche


Hier die Andacht zum Nachhören:

„Sie weht, wo sie will.“ – von Katja Hose
Katja Hose

Mut wächst! Das gilt ganz besonders für die Freund*innen von Jesus zu Pfingsten. Sie sitzen wartend an einem Ort zurückgezogen beieinander. Plötzlich trauen sie sich hinaus – mitten hinein in die Vielfalt der Menschen und erheben ihre Stimme. Gottes Heilige Geistkraft setzt diese Dynamik in Gang. Sprechen, zuhören, antworten, verstehen – alle gemeinsam über Sprachbarrieren hinweg – das ist für mich Pfingsten, das begeistert mich bis heute. Aber wird dieser Funke zünden in unseren Kirchen, in denen wir jetzt im weiten Abstand voneinander sitzen und hinter den Gesichtsmasken murmeln und mitsummen? Die Vorstellung, dass die Heilige Geistkraft uns Menschen wirklich pfingstlich ergreift, aus den Kirchenbänken zieht, Fremde miteinander in den Kontakt bringt und sich ansteckend untereinander fortpflanzt, wird wohl allen Verantwortungsträger*innen in diesen Tagen den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Findet die Geistkraft überhaupt zwischen den mit Sorgfalt ausgearbeiteten und diszipliniert umgesetzten Sitzordnungen Raum? Ich mache mir da keine Sorgen. Sie weht, wo sie will. Sicherheitsabstände sind für sie keine Hürde. Ihr frischer Wind vermag den Corona-Blues zu vertreiben. Und dabei muss kein Mensch unvorsichtig werden.

[by MW via Pixabay]

Was lässt mich auf diesen Geist des Lebens, den Gott pfingstlich ausgießt, vertrauen? Dingfest machen, in Besitz nehmen, für sich pachten lässt die Geistkraft sich nicht, aber dieses wunderbar lautmalerische hebräische Wort weist mir die Richtung:  Die „Ruach“ raunt bei jedem Atemzug durch meinen Körper. Dieses hebräische Wort kann „Atem“, „Wind“ oder auch „Geist“ bedeuten.  Wenn ich ganz bewusst tief Luft hole und dann wieder ausatme, komme ich zu mir selbst, finde meine Ruhe und spüre, wie ich unwillkürlich etwas tue, was zugleich mit mir geschieht. Gottes Geistkraft muss sich nicht unbedingt ekstatisch, laut und alles durcheinanderwirbelnd in unsere Welt mischen. Sie kennt auch ganz andere Wege. Mein stilles Atmen verbindet mich mit ihr und lässt mich lauschen. Ich strecke mein Ohr aus nach dem sanften Sausen, mit dem zum Beispiel Elia Gottes Nähe spürte, als er sich in die Felsspalte am Horeb zurückzog (1. Könige 19). Ein Mund-Nasenschutz, der sinnvollerweise bei Begegnungen zu tragen ist, hält die Tröpfchen mit den Viren auf. Meine Verbindung zu Gottes Lebenskraft lässt sich dadurch aber nicht stören. Mein Atem weist mir die Richtung, wie ich der Geistkraft nachspüren kann.

Im Pfingstgeschehen liegt aber noch mehr als die spirituelle Erfahrung, dass Gottes Kraft mich wie mein Atem durchströmen kann. Pfingsten zeigt, dass Gott nicht nur in einzelnen besonderen Persönlichkeiten wirkt, sondern die Heilige Geistkraft zu allen Menschen in ihrer großen weltweiten Vielfalt kommt und sie einander verstehen lässt. Das macht mir Hoffnung in diesen Tagen und lässt meinen Mut wachsen.

Die Corona-Pandemie bringt Gefahr und Leid mit sich. Sie trifft in ihren Auswirkungen diejenigen besonders hart, deren Leben ohnehin schon durch Ungerechtigkeit geprägt war. Weil das so ist, kommt es jetzt darauf an, nicht so schnell wie möglich zur alten Normalität zurückzukehren. Denn vieles von dem, was uns als normal und selbstverständlich gegolten hat, ist darum nicht zugleich richtig und gut.

Pfingsten inmitten der Corona-Pandemie zu feiern, das heißt für mich, dem Wirken der Heiligen Geistkraft Raum zu geben, sich jetzt nicht einfach in den Strudel der vermeintlichen Normalisierung hineinziehen zu lassen, sondern auf  den Geist der Wahrheit zu lauschen. Nach dem Johannes-Evangelium verabschiedet sich Jesus von den Seinen mit der Zusage, dem Trost, dass er Gott um den Geist der Wahrheit bitten wird (Johannes 14,16f). Und die Wahrheit wird frei machen (Johannes 8,32).  Eine App, die uns Kontakte mit Infizierten meldet, ein Impfstoff gegen das Corona-Virus oder die weitere Beschleunigung unserer Kommunikation in der digitalen Welt werden uns nicht frei machen. Sie können nützlich sein und uns helfen, aber befreien werden sie uns nicht. Wirtschaftliche Hilfen für Menschen in Not sind absolut wichtig, aber wenn es nur darum geht, den Konsum wieder anzukurbeln, dann wird die Chance aus der Krise zu lernen verpasst.

Wenn ich in diesen Pfingsttagen in mich hineinhorche, dann höre ich ein Raunen, das mir sagt: Jetzt ist die Zeit, um Grundlegendes in unserem Zusammenleben zu verändern. Wir alle benötigen Fürsorge. Also muss Care-Arbeit gerecht verteilt, gestaltet und bezahlt werden. Wir alle wollen gut leben. Also muss sich unser Wirtschaften  am Gemeinwohl orientieren. Wir alle sind  Teil von Gottes wunderbarer Schöpfung. Also muss sich unser Umgang mit der Erde, mit Tieren und Pflanzen grundlegend ändern.  Die Corona-Krise zeigt uns wahrhaftig, wo wir stehen. Wir können jetzt unsere Chance erkennen und handeln.

[by Kiều Trường via Pixabay]

Dies sind meine Gedanken. Ich behaupte nicht, dass  der Geist der Wahrheit sie mir einflüstert. Das wäre vermessen. Pfingsten  zeigt mir aber deutlich: Gottes Geist kommt zu allen Menschen in ihrer großen Vielfalt und schenkt gegenseitiges Verstehen. Das macht Mut, jetzt  nicht schnell zur althergebrachten Tagesordnung überzugehen, sondern sich ernsthaft Zeit für die anstehenden Fragen zu nehmen und die Debatten mit allen zu führen. Verständigung und gemeinsames Handeln sind nicht nur möglich in der Corona-Krise, sondern Gottes Weg mit uns Menschen. Gottes Geistkraft nutzt auch den Sicherheitsabstand zwischen uns und öffnet jetzt unsere Augen und  Herzen für die Wahrheit. Mut wächst.

Die Musik aus dem Andacht-Stream:

So ist der Himmel! | Eins

Eine Andacht zum Schauen und Besinnen am Morgen ⛅

Texte: Magda Hellstern-Hummel / Frank Puckelwald, Gemeindedienst der Nordkirche


Gebet

Ich sitze vor Dir, Gott. Aufrecht und entspannt.

In diesem Augenblick lasse ich alle meine Pläne, Sorgen und Ängste los.

Ich lege sie in Deine Hände.

Gott, ich warte auf Dich. Du kommst auf mich zu.

Du bist in mir, durchflutest mich mit Deinem Geist.

Du bist der Grund meines Seins.

Öffne mich für Deine Gegenwart, damit ich immer tiefer erfahre,

wer Du bist und was Du von mir willst.

Amen.

nach Dag Hammarskjöld

„Du durchflutest mich mit Deinem Geist!“ | Foto: Franziska Pätzold

Andacht am Sonntag Rogate

Schweige und Höre

Von Silke Meyer, Frauenwerk Lübeck-Lauenburg


„Schweige und Höre“ – von Silke Meyer

Schweige und höre, neige deines Herzens Ohr

… das riet vor über 1000 Jahren Benedikt von Nursia. Und selbst heute, 1000 Jahre später ist es das, was uns besonders schwerfällt; selbst dann noch, wenn der Straßenlärm und die gewohnten Hintergrundgeräusche unseres Alltags in den vergangenen Wochen insgesamt leiser geworden sind. Und doch: Geräuschkulisse als schon süchtige Ablenkung?

Kennst Du diese Sehnsucht nach echtem Innehalten, Schweigen und Hören? Nach konzentriertem zuhören? Hören ist das erste, was wir als Mensch tun. Gerade auf die Welt gekommen, kennen wir die Stimme unserer Mutter längst – aus dem Bauch. Selbst wer im Sterben liegt, hört immer noch, was um ihn herum passiert – bis zum letzten Atemzug. Hören ist eine wesentliche Verbindung zur Welt.

Schweige und höre…

Unsere Ohren orientieren, warnen und behüten uns. Bei unangenehmen, unheimlichen Geräuschen, sträuben sich mir die Nackenhaare. Beim Hören von Mozarts Requiem läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken. Das Ohr ist unser innigster Zugang zur Welt. Wie reagierst Du auf die QuaranTöne? Wenn ich genau hinhöre, aufmerksam zuhöre, werde ich selten getäuscht.

Was aber geschieht mit den Ohren, die das Zuhören wegen unaufhörlicher, medialer Berieselung, noch dazu oft über Kopfhörer, verlernt haben? Was wäre, wenn wir in diesen Tagen der Unterbrechung Momente der Stille zulassen? Mit dem Psalm-Wort, Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft (Psalm 62,2), für eine Weile, aus der durch Lärm entstandenen Taubheitskultur herauswachsen – und aufhorchen! Was von uns selbst würden wir erhören? Das, was mir geschenkt ist, meine Lebensaufgabe, Träume und Herzensanliegen?

Das wünsche ich uns in diesen Tagen! Die eine oder andere Gelegenheit auf Nebengeräusche zu verzichten und in einer plötzlich entstandenen Stille mir selbst und der Natur im Aufbruch zu lauschen.

Schweige und höre, neige deines Herzens Ohr, suche den Frieden. Amen.

[alle Fotos von Silke Meyer]

Psalm 62

Nur bei Gott wird mein Leben still.
Von ihm kommt meine Befreiung.
Nur Gott ist mein Fels und meine Befreiung,
meine Burg. Ich werde nicht wanken – nicht sehr.
Wie lange wollt ihr eine Einzelne bestürmen?
Wollt ihr sie morden, ihr alle,
wie eine fallende Wand, eine stürzende Mauer?
Nur das ist ihr Plan: Sie von oben herabzustürzen.
Täuschung gefällt ihnen.
Mit dem Mund segnen sie, in ihrem Inneren fluchen sie.
Nur bei Gott werde still, mein Leben!
Ja, von ihm kommt meine Hoffnung.
Nur er ist mein Fels und meine Befreiung,
meine Burg. Ich werde nicht wanken.
Bei Gott liegt meine Freiheit und meine Würde,
Fels meiner Macht, meine Zuflucht bei Gott.
Vertraut auf ihn zu jeder Zeit, Leute!
Schüttet vor ihm euer Herz aus! Gott ist Zuflucht für uns. Sela
Nur Nebelhauch sind die Menschenwesen,
Täuschung sind Männer und Frauen.
In Waagschalen steigen sie auf, leichter als Nebelhauch.
Vertraut nicht auf Erpressung! Durch Raub lasst euch nicht vernebeln!
Wenn das Vermögen wächst, setzt das Herz nicht darauf.
Eins hat Gott gesagt, zwei sind es, die ich gehört habe:
dass Macht bei Gott ist,
und Freundlichkeit, Gebieter über uns, bei dir,
dass du allen gibst, wie es ihrem Handeln entspricht.

Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache (2006)

Video und musik zum andacht-Stream:

Silke Meyer

Wer bist du nun, meine Tochter?

Zehn Collagen zum Buch Rut

Von Franziska Pätzold, Frauenwerk der Nordkirche


Als Andacht an diesem Sonntag laden wir ein zu einem Rundgang durch die Ausstellung „Wer bist du nun, meine Tochter? | Zehn Collagen zum Buch Rut“. Eigentlich sollte diese Ausstellung ganz real mit Lesung, Gespräch und kleinem Empfang eröffnet werden, aber auch das musste Corona bedingt abgesagt werden – zumindest teilweise. Die Bilder des Graphikers Gerhard Schneider sind nämlich dennoch zu sehen – derzeit in der Winterkirche von St. Nikolai, Greifswald und … hier! Und den Audioguide gibt es auch dazu. 🙂 Viel Freude also beim Betrachten der Bilder, beim Hören der biblischen Erzählung und beim Wiederentdecken der Rut!


Wer bist du nun, meine Tochter? (Nacherzählung von Franziska Pätzold)

Nach Moab …

und zurück.

Wo auch immer du hingehst …

… auf die Felder des Boas.

… als wäre sie eine von ihnen.

Bade, salbe dich …

… wer bist du nun, meine Tochter?

Wenn du lösen willst …

Rut und Boas

Noomi und Obed

Gebet zum 8. Mai

Die Brennnessel wächst

von Katja Hose, Frauenwerk der Nordkirche


Was geschah auf diesem Flecken Erde vor 75 Jahren? Die Mutter wurde von der Gestapo abgeholt und im KZ ermordet. Die Briefträgerin hörte den Schrei, als sie die Nachricht von der Front überbrachte. Die Angst vor den Bomben ist tief in den Boden des Bunkers gesunken. Kindheit, Jugend, Leben – geraubt von deutschen Müttern, Vätern…

Tod. So viel Tod! Zu viel Tod! Viel zu viel Tod! Unfassbar… Leid, Schuld und Scham, Trauer und Wut – gespeichert auf dem Boden der Seele – bis heute. Hat die Erde gezittert – damals? Ich fühle meine Bewegung heute an diesem 8. Mai – Tag der Befreiung.

Und ich sehe aus der Erde die Brennnessel wachsen, schmerzhaft in der Berührung, heilend in ihrer Kraft. Sie wächst!

Gott, lass weiterhin Mut wachsen, die Erinnerung wach zu halten, die Schuld zu bekennen, die Versöhnung zu erbitten, die Dankbarkeit zu fühlen, aus deiner Liebe zu leben und Frieden zu suchen.

Das bitte ich für mich und für unsere Erde. Amen.

Andacht am Sonntag Jubilate

Mut wächst – Klimabewusstsein erden

AG Klima, Frauenarbeit in der Nordkirche


An diesem Sonntag hat die Andacht unmittelbar mit dem Projekt „Mut wächst – Klimabewusstsein erden“ der Frauenarbeit in der Nordkirche zu tun. Das Projekt wurde bereits auf der Frauendelegiertenkonferenz zu Beginn diesen Jahres vorgestellt und ist nun in vollem Gange [weitere Infos dazu gibt es hier: Mut wächst – Klimabewusstsein erden]. Mit dieser Andacht haben wir uns damals auch spirituell auf das Thema eingestimmt: Säen, Pflanzen, Leben und Vielfalt bewahren, Verbundenheit spüren mit der Erde, mit Gott, miteinander – dazu laden wir ein.

[Philip Pena via Pixabay]

Unten gibt es den Text und den Ablauf der Andacht als Download zum Nachlesen und Ausprobieren – im Frauenkreis, in der Gemeinde, unter Freund*innen und Nachbar*innen, in Kooperation mit anderen Initiativen und Projekten – überall dort, wo es ein bisschen Platz und engagierte Menschen gibt. Und im Stream kann frau/ man gleich hier nachhören, wie es klingen könnte. [Ein bisschen Vorstellungskraft zum gedanklichen Nachvollziehen des Pflanzrituals ist dazu sicher hilfreich… :-)]

Viel Freude beim Hören, Ausprobieren, Säen und Pflanzen!

Die Andacht zum Nachhören:

Mut wächst – Klimabewusstsein erden von der AG Klima
der Frauenarbeit in der Nordkirche

Die TExte zum Download:

Die Musik aus dem Andacht-Stream:

Andacht am Sonntag Misericordias Domini

Wie Mut wächst

von Julia Jünemann, Frauenarbeit im Kirchenkreis Plön-Segeberg


„Wie Mut wächst“ – von Julia Jünemann

Mut wächst – diese beiden Worte hat die Frauenarbeit in der Nordkirche als Leitthema für die Jahre 2020/2021 gewählt. Seit vier Monaten begleiten sie mich in meiner Arbeit. Ich habe das Jahresthema angekündigt und dafür geworben. Ich habe mit den Worten gespielt und sie in mancherlei Beziehung gesetzt.

Julia Jünemann

Mut wächst – da gibt es doch nicht viel zu erklären, oder? Als ich für eine Sitzung im Januar eine Andacht vorzubereiten hatte, warf ich einen Blick in das Herkunftswörterbuch und wurde überrascht. Mut kommt aus dem Germanischen und steht ursprünglich für nach etwas trachten, heftig verlangen, erregt sein. Das gemeingermanische Wort bezeichnete die triebhaften Gemütsäußerungen und seelischen Erregungs-zustände und wurde häufig im Sinne von Zorn verwendet. In späteren Zeiten stand es für den Sinn und die wechselnden Gemütszustände der Menschen. Das englische mood erinnert daran: I’m in a good mood, I’m in a bad mood. Die uns vertraute Bedeutung von Tapferkeit, Kühnheit setzte sich laut Herkunftswörterbuch erst seit dem 16. Jahrhundert stärker durch.

So also ist die Bedeutung des Wortes, das wir auf unsere Plakate und Postkarten zum Jahresthema gedruckt haben, gewachsen. Seine Wurzel waren tiefste Emotionen. Mut ist nichts, was von außen auf uns zu kommt, sodass wir es einfach annehmen könnten. Mut entsteht tief in uns selbst. Mut braucht innere Bewegung. Mut braucht einen Antrieb, ein Ziel, auf das er sich richten kann und mit dem wir innerlich verbunden sind. Dann kann Mut wachsen.

Ein Blick in die Bibel: Dort gibt es viele mutige Menschen, aber das Wort Mut kommt nur fünf Mal vor. Im zweiten Korintherbrief lesen wir: „Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi, denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“ (2 Kor 12,10) Darin beschreibt Paulus guten Mutes als eine Haltung in schweren Zeiten: Ich lasse mich nicht unterkriegen, ich habe Hoffnung. Dabei gestehe ich mir zu, dass ich auch Angst haben und zweifeln darf. Aber ich weiß, wofür ich stehe und was mich hält. Woher nehmen Menschen diese Haltung?

Corrie ten Boom,
1921 in Haarlem
[via wikimedia commons]

In der vergangenen Woche wurde an dieser Stelle vom 75. Befreiungstag des Konzentrationslagers Ravensbrück berichtet. In Ravensbrück war auch die Widerstandskämpferin Corrie ten Boom inhaftiert. Sie erzählt in ihrem Buch Die Zuflucht wie sie als Kind ihren Vater fragte, ob sie wohl den Mut haben würde, wie die Menschen in der Bibel für ihren Glauben zu leiden. Ihr Vater fragte sie: „Wann gebe ich dir die Fahrkarte, wenn wir zusammen mit dem Zug nach Amsterdam fahren?“ Sie antwortete: „Kurz bevor wir einsteigen.“ Und genauso, erklärte ihr Vater, würde Gott ihr immer zum rechten Zeitpunkt die Fahrkarten für die Lebensreisen geben, auf die Gott sie führen würde. Als die Besetzung ihres Landes durch das NS-Regime in ihr bislang beschauliches Leben einbrach, erlebte Corrie ten Boom, dass das Versprechen ihres Vaters sich erfüllte. Sie hatte den Mut und die Kraft, verfolgten Jüdinnen und Juden beizustehen und sie verlor ihren Glauben auch dann nicht als sie verhaftet wurde und geliebte Menschen ums Leben kamen. Ebenso wie Paulus und die verfolgten Menschen im frühen Christentum erfuhr sie, dass Mut wächst, wenn es ein trotzdem und ein weil gibt: Trotz aller Angst und Schwachheit blieben sie standhaft, weil sie die tiefe Gewissheit hatten, dass sie mit Gott auf der richtigen Seite standen.

Als ich mich im Januar mit dem Wort Mut beschäftigte, ahnte ich noch nicht wie viel davon wir alle bald brauchen würden. Von jetzt auf gleich mussten wir lernen, ohne so vieles auszukommen, was unserem Leben bis dahin Struktur, Sicherheit und Erfüllung gegeben hatte. Niemand konnte darauf vorbereitet sein. Niemand hatte seine Fahrkarte für diese Reise lange vorab gebucht. Aber wie viele Menschen haben sich mit den passenden Fahrkarten auf den Weg gemacht! Sie entdecken im erzwungenen Rückzug den Wert der kleinen Dinge. Sie finden neue Wege, um miteinander in Verbindung zu bleiben. Sie kümmern sich um bedürftige Mitmenschen und schicken digitale Ermutigungen in die Welt.

[by Pexels via Pixabay]

Es bleibt die Angst vor der tückischen Krankheit, vor dem Verlust von Arbeitsplätzen, vor weiteren Tagen in Einsamkeit. Es wird auch nicht für alle leicht sein, mit den langsam beginnenden Auflockerungen umzugehen in dem Wissen, dass das Virus noch lange nicht besiegt ist. Und wir können überhaupt nicht absehen, wie unsere Welt sich noch verändern wird. Ich wünsche uns, dass wir täglich neuen Mut in uns entdecken können. Die Wurzel, aus der er wachsen kann, ist seit ewigen Zeiten dieselbe: Die Liebe Gottes, die sich nicht erklären, aber erfahren lässt.

Worte des Gedenkens

Zum 75. Jahrestag der Befreiung des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück

Von Franziska Pätzold, Frauenwerk der Nordkirche


Hier der Text zum Nachhören:

„Worte des Gedenkens“ – von Franziska Pätzold

Das Interreligiöse Gedenken in Ravensbrück

„Uns alle eint das Wissen, dass wir nicht voraussetzungslos leben, sondern bestimmt sind durch unsere Geschichte. Was hier in Ravensbrück und an all den anderen Leidensorten während der Nazizeit geschehen ist, rührt uns menschlich an. […] Uns verbindet das Wissen, dass wir diese Trauer aushalten müssen – weil das das Mindeste ist, was wir den hier gequälten und getöteten Menschen schuldig sind. Und auch weil das Wissen um Ravensbrück […] wichtig ist, um unsere Gegenwart besser zu verstehen und zu gestalten.“

Mit diesen, inzwischen programmatisch gewordenen Worten eröffneten Iman Andrea Reimann, Vorsitzende des Deutschen Muslimischen Zentrums in Berlin, und Rabbinerin Dr. Ulrike Offenberg im Jahr 2018 das Interreligiöse Gedenken in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück.

Franziska Pätzold

Auch in diesem Jahr hätte morgen, am 19. April, im Rahmen des Gedenkwochenendes zum 75. Befreiungstag des Konzentrationslagers ein Interreligiöses Gedenken stattfinden sollen, geplant und vorbereitet durch die Zukunftswerkstatt Interreligiöses Gedenken Ravensbrück. Auch diese Veranstaltung wurde Corona-bedingt abgesagt. Gedenken wollen und werden wir dennoch an diesem Tag – das stand für alle Beteiligten schnell fest. Aber wie? Ein weiterer Livestream? Eine weitere Videokonferenz?

Das Gedenken 2020

Inzwischen haben viele in unserer Runde Erfahrungen mit diesen Formaten des virtuellen Zusammenseins gemacht und – bei allem Positiven und allen Möglichkeiten – erscheinen sie uns doch nicht als passende Form für das Gedenken. Die echte Begegnung, die direkte Kommunikation vor, nach und während des Gedenkens, sowie der intensive Austausch zwischen allen Beteiligten in der vorbereitenden Zukunftswerkstatt, machen das Eigentliche, das Besondere, das Lebendige des Interreligiösen Gedenkens aus. Dr. Thomas Würtz, Mitwirkender in der Zukunftswerkstatt und Referent für den christlich-muslimischen Dialog an der Katholischen Akademie in Berlin, brachte unsere Überlegungen schließlich so auf den Punkt:

„Insofern finde ich ein nicht abgehaltenes Gedenken als analoge Leerstelle wichtiger als die digitale Teilkompensation. Die Leerstelle macht deutlich, was fehlt und zeigt uns, wohin wir zurück wollen: In die Freuden der realen Begegnung auch bei schwierigen Anlässen, wie in unserem Fall.“

Keine digitale Teilkompensation also, sondern eine analoge Leerstelle – aber verbunden mit einem kleinen, digitalen Zeichen. Dazu sammelten wir Worte, die uns als Mitwirkenden in der Zukunftswerkstatt für das Interreligiöse Gedenken, sowie für Gedenken überhaupt wichtig geworden sind.

Worte des Gedenkens

Worte des Gedenkens, Zukunftswerkstatt Interreligiöses Gedenken Ravensbrück

Gedenken – Wir – Aufmerksamkeit – Verantwortung – Gerechtigkeit – Menschlichkeit – Frieden – Morgen – Gestern – Heute – Veränderung – Vielfalt – Leben – Erinnern – Befreiung – Gestalten – Erneuerung – Freundschaft – Solidarität – Demut – Liebe – Begegnen – Mitleiden – Teilen – Suchen – Finden – Traditionen – Gott – Gebet – Kreativität – Geist

Diese Worte, die uns bewegen, die uns wichtig sind und Antrieb, ordnet das Computerprogramm zufällig in eine Form. Wobei – die Anordnung ist zufällig, die Form jedoch nicht. Die Socken sind Teil dessen, was in diesem Jahr im Mittelpunkt des Interreligiösen Gedenkens hätte stehen sollen. Sie sind zum Sinnbild unserer Auseinandersetzung mit dem Thema Arbeitsbedingungen in Zwangsarbeit von KZ-Inhaftierten geworden – konkret am Beispiel des KZ Ravensbrück und seiner Außenlager.

Erinnerungsstücke

„Mit fünf „Stricknadeln“ aus Draht lernte Batsheva Dagan stricken, die diese Socken 1945 im Ravensbrücker Außenlager Malchow anfertigte. Sie trug sie bis zur Befreiung. Anfang 1945 war Batsheva Dagan aus Auschwitz-Birkenau in das KZ Ravensbrück deportiert und kurz darauf in das Außenlager gebracht worden. Dort überzeugte sie gemeinsam mit sieben Freundinnen die SS von der Notwendigkeit eines „Bastel-Kommandos“. Die Frauen haben aus Lumpen Zöpfe geflochten und zu Fußmatten zusammengenäht. Auf diese Weise erhielten sie eine Extraportion Suppe. 2007 stiftete Batsheva Dagan die Socken der Gedenkstätte.“

Dr. Sabine Arend, Mitwirkende in der Zukunftswerkstatt und Leiterin der Museologischen Dienste der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück

Dieser kurze Einblick in die Geschichte von Batsheva Dagan berührt mich auf ganz unmittelbare Weise. Es ist noch etwas da aus dieser grausamen Zeit. Etwas, das dem Leben diente: ein paar Socken. Entstanden unter widrigen Bedingungen wurden sie ein Symbol des Überwindens und Überlebens. In gleicher Weise sind sie aber auch ein Symbol für die Ausbeutung so vieler KZ-Gefangener überall in den Lagern und Fabriken des NS-Regimes – die unzähligen Socken, die Frauen in Zwangsarbeit für die Wehrmachtssoldaten strickten.

„Sockenschuss“

Von der Zwangsarbeit erzählen auch die wenigen Überreste des ehemaligen Ravensbrücker Außenlagers Grüneberg, wo sich eine Munitionsfabrik befand. Im Projekt Grüneberg ERINNERT engagieren sich junge Erwachsene, um diese Geschichte des Ortes wieder freizulegen und zurück ins Gedächtnis zu rufen. Gemeinsam mit Jugendlichen aus dem Kirchenkreis Oberes Havelland wollten sie für das diesjährige Interreligiöse Gedenken eine Performance entwickeln, die beispielhaft Bezug nimmt auf eben diese, in Zwangsarbeit hergestellten Werkstücke: Munition und Socken. Der Titel des Gedenkens lautete, beides verbindend, Sockenschuss. Aus den Fäden aufgeräufelter Socken sollten Netzwerke gespannt werden zwischen den Gedenkenden als Zeichen der Verbundenheit in aller Verschiedenheit. Diese Ideen werden wir nun mitnehmen für die Vorbereitung des Gedenkens im nächsten Jahr.


Informationen zur Zukunftswerkstatt:

In der Zukunftswerkstatt Interreligiöses Gedenken Ravensbrück treffen sich drei- bis viermal im Jahr muslimische, jüdische und christliche Frauen und Männer. Neben der Entwicklung von Gedenkformen, die für Menschen aller Weltanschauungen anschlussfähig sind, rückt die Frage danach wie heute Gedenken gestaltet werden kann immer stärker in den Mittelpunkt. Mit der Beteiligung junger Menschen – Schüler*innen, Jugendliche und junge Erwachsene verschiedener Projekte und Initiativen – spannen wir den Bogen von den inhaftierten, ausgebeuteten, gequälten und ermordeten Frauen und Männern der Vergangenheit zu einer Generation junger Menschen und damit hinein in eine Gegenwart, in der nur noch wenige Zeitzeug*innen leben und die mit ihren Themen und politischen Entwicklungen Einfluss hat auf die Art und Weise unseres Gedenkens. Dies gelingt gerade dadurch, dass die Werkstatt eine Werkstatt im wahrsten Sinne ist und bleibt. Immer neue Interessierte engagieren sich, allein oder mit ihrem Projekt. Einige bleiben der Zukunftswerkstatt länger verbunden. Alle werden gehört und ihre Ideen werden aufgenommen. Tragender Grund ist eine Atmosphäre des Miteinander- und Voneinander-lernen-wollens und das Vertrauen, dass daraus etwas Gutes wird.

INFOrmationen zum KonzentrationsLager Ravensbrück:

Ansicht vom Barackenlager mit Barackenreihe 2 und 3 des Frauen-KZ Ravensbrück, um 1940.
Dieses Foto wurde vom Turm der Kommandantur aufgenommen mit Blick auf Teile des zuerst gebauten Lagers (l.) und der Erweiterung (r.). Letzteres war zunächst durch eine Mauer abgetrennt. Am vorderen Abschnitt der Mauer erstreckt sich der Zellenbau, das Lagergefängnis.
Im Vordergrund rechts ist das Wirtschaftsgebäude mit seinen Schornsteinen der Häftlingsküche zu sehen. Rechts im Bild ist die Lagerstraße 1  zu erkennen.
[Fotograf/in unbekannt, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Foto-Nr. 1643]

Von 1939 bis 1945 war Ravensbrück das zentrale Frauen-Konzentrationslager des NS-Regimes. Mehr als 120.000 Frauen und Kinder aus über 30 Ländern sowie 20.000 Männer und 1.200 weibliche Jugendliche wurden dorthin verschleppt. Zu dem Lagerkomplex gehörten, neben dem Frauenlager, ein kleineres für Männer, zahlreiche Außenlager, das Siemenslager und das „Jugendschutzlager“ Uckermark. Mindestens 28.000 Häftlinge wurden hier durch die Haftbedingungen umgebracht. Am 30. April 1945 wurde das Konzentrationslager befreit. Die Mahn- und Gedenkstätte lädt jedes Jahr zu einem Gedenkwochenende mit zahlreichen, auch internationalen Veranstaltungen ein.

Informationen zum GEdenken 2020:

Das rbb-Fernsehen überträgt am 19. April 2020 um 10.15 Uhr live aus der katholischen Gedenkkirche Maria Regina Martyrum einen Gedenkgottesdienst, der an diesem Tag eigentlich in Sachsenhausen hätte stattfinden sollen. Darin wird auch auf die ausfallenden Gedenkveranstaltungen in Ravensbrück Bezug genommen.

Hier geht es zum Livestream: rbb-Fernsehen

Und hier geht es zur Internetseite der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück: ravensbrueck-sbg.de