Jeder Mensch ist ein Projekt, das noch nicht vollendet ist.

Der Mensch als Gottes Statthalter auf Erden.

Von Nedra Ouarghi, Fachrat Islamische Studien e.V., Hamburg


Die Vorstellung, dass die Zukunft gut sein wird, ist ein beruhigendes und ein friedvolles Gefühl. Was sollte passieren, damit MORGEN gut wird?

Es gibt sicherlich mehrere Ebenen diese Frage zu reflektieren. Ich möchte jedoch an dieser Stelle bei der Schöpfung einsetzen und speziell beim Menschen. Der Mensch ist ein Geschöpf Gottes, das auf der Erde eingesetzt wird. Ist es möglich, dass der Mensch gewollt in die Existenz gerufen wurde? Hat das Leben eines Menschen auf der Erde einen Sinn? Welche Aufgabe hat der Mensch?

„Und siehe: Morgen war alles gut.“
[von Nedra Ouarghi]

Der Koran, die Heilige Schrift der Muslime, gibt uns konkrete Antworten auf diese Fragen. In Sure 2, Verse 30 bis 33 [1] findet ein Dialog zwischen Gott und den Engeln statt. Gott hatte die „Idee“ einen Statthalter auf der Erde einzusetzen. Die Engel wundern sich, warum Gott den Menschen als Statthalter einsetzen möchte. Sie erwidern, dass der Mensch auf ihr „Verderben anstiftet und Blut vergießen“ [2] würde, dabei sind sie diejenigen, die Gott ununterbrochen lobpreisen und rühmen. Aus ihrer Perspektive wird der Mensch nicht gebraucht. Doch Gott sagt in Sure 2, Vers 30: „Ich weiß, was ihr nicht wisst.“ [3]

In den Versen 31 bis 38 erfahren wir, dass die Geschichte des Menschen mit Adam anfängt, der den Prototypen für die gesamte Menschheit darstellt. Gott hat demnach vor, Adam, den Prototypen des Menschen als Statthalter auf der Erde einzusetzen. In den Versen 31 bis 33 heißt es:

(31): „Und er lehrte Adam aller Dinge Namen; dann zeigte er sie den Engeln und sprach: Verkündet mir die Namen dieser Dinge, so ihr wahrhaft seid.“ [4]  (32.): Sie sprachen: „Preis dir, wir haben nur Wissen von dem, was du uns lehrtest; siehe, du bist der Wissende, der Weise.“ [5] (33.): Er sprach: „O Adam, verkünde ihnen ihre Namen.“ Und als er ihnen ihre Namen verkündet hatte, sprach er: „Sprach ich nicht zu euch: Ich weiß das Verborgene der Himmel und der Erde, und ich weiß, was ihr offenkund tut und was ihr verberget?“ [6]

Aus diesen Versen entnehme ich, dass Gott sehr wohl Kenntnis über die Schwächen des Menschen hat, zumal Er den Menschen geschaffen hat. Dennoch verleiht Er dem Menschen diese wichtige Aufgabe, indem Er Adam die „Namen aller Dinge lehrte“. [7]

In der Koranexegese sind zahlreiche Kommentare vorhanden, die sich mit der Bedeutung des Ausdrucks „Namen lehren“ auseinandersetzen. Es besteht ein Konsens darüber, dass damit die Sprachfähigkeit des Menschen gemeint ist. Gott hat dem Menschen die Sprache geschenkt. Die Sprache ist ein Medium der Kommunikation. Durch die Sprachfähigkeit verlieh Gott dem Menschen eine weitere Fähigkeit – die Vernunft. Die Vernunft ist eine besondere Fähigkeit, die über die bloße Ratio hinausgehen kann – sprich der Intellekt. Somit sind die Sprachfähigkeit und die Vernunft besondere Fähigkeiten, die nur dem Menschen zugeteilt sind. Aufgrund dieser Besonderheit spricht Gott zu den Engeln und fordert sie auf, sich vor Adam niederzuwerfen. Sie kommen dieser Forderung umgehend nach und werfen sich vor Adam nieder.