Jeder Mensch ist ein Projekt, das noch nicht vollendet ist.

Der Mensch ist in der islamischen Tradition ein gutes Wesen. Der Islam kennt die Erbsünde nicht. Jeder Mensch kommt als ein „gutes Geschöpf“ auf die Welt. Zudem stattete Gott den Menschen mit einem „Startkapital“ aus. Jeder Mensch bekommt seine persönlichen Fähigkeiten, Stimmungen und Eigenschaften. So kann einer die Eigenschaft der Geduld ausgeprägter erhalten als andere. Eine weitere Person kann von Grund auf eine positive, heitere Stimmung bekommen.

Unsere Beziehung zu Gott ist zweierlei zu deuten. Im Arabischen gibt es zwei Begriffe, die „Gott“ bedeuten. Der arabische Begriff (الله- Allah) bedeutet „bei dem man Zuflucht sucht“, „bei dem man Schutz sucht“ oder „erschaudern“. Diese Begriffe beschreiben die Beziehung des Menschen zu Gott. Somit wird hier eine Beziehung von „unten nach oben“, sprich vom Menschen zu Gott dargestellt.  Der zweite Begriff für „Gott“ lautet (ربّ- Rabb). Der arabische Begriff bedeutet „erziehen“. An dieser Stelle erfahren wir eine zweite Beziehung zwischen Gott und dem Menschen, die darauf beruht, dass Gott als Erzieher sich um uns kümmert. Das stellt demnach die Beziehung von Gott zum Menschen von „oben nach unten“ dar. Gott schenkt uns die Existenz und das Leben, indem Er uns auf dieser Erde begleitet, uns hilft und uns dahingehend unterstützt, dass wir uns weiterentwickeln und „Mensch“ werden können. Jeder Mensch ist ein Projekt, das noch nicht vollendet ist. Im Laufe unserer Existenz hat der Mensch das Potenzial höhere Ideale und Ziele zu erreichen, zu leben im wahrsten Sinne des Wortes, sprich, „zu wirken und zu erkennen“ [8]. Wie kann der Mensch diese höheren Ideale erreichen?

Durch die Sprache kennt der Mensch die Namen aller Dinge und da er ihre Namen kennt, hat er dementsprechend Macht über alle Dinge. Ein Mensch weiß zum Beispiel was ein Baum ist. Er weiß auch, was er mit einem Baum machen kann. Er kann aus ihm Papier produzieren.

Herbstlinde
[von KlaLa; via wikimedia commons]

Durch diese Besonderheit der Sprachfähigkeit, der Vernunft und des Intellekts hat Gott dem Menschen zwei Aufgaben gegeben. Wenn Adam der Prototyp aller Menschen ist, folgt daraus der Schluss, dass jeder Mensch ein potentieller Statthalter auf der Erde ist. Doch was bedeutet Statthalter? Der arabische Begriff für Statthalter (خليفة- Khalifa) bedeutet „Nachfolger“, „Beauftragter“ oder „Verfügungsgewalt“. Statthalter auf Erden zu sein bedeutet, die Verantwortung für die Schöpfung zu übernehmen.

Diese Qualitäten, die dem Menschen zugeteilt sind, sind ein Geschenk Gottes, der den Menschen hilft, die Verantwortung adäquat zu tragen. Verbunden mit der Statthalterschaft ist die zweite Aufgabe, die der Mensch bekommen hat, das „anvertraute Gut“ (امانة- Amana) zu schützen. Gott hat die gesamte Schöpfung dem Menschen anvertraut. In Sure 33, Vers 72 heißt es:

(72.): „Siehe, wir boten den Himmeln und der Erde und den Bergen das Unterpfand an, doch weigerten sie sich, es zu tragen, und schreckten davor zurück. Der Mensch lud es jedoch auf sich, denn er ist ungerecht und unwissend.“[9]

Das anvertraute Gut (امانة- Amana) ist etwas Wertvolles, etwas Kostbares und Heiliges, das beschützt werden soll. In diesem Sinne soll der Mensch die Schöpfung i. S. des Gebers behandeln, sprich i.S.v. Gott. Der Mensch hat die Aufgabe, das anvertraute Gut gewissenhaft, gut und schön zu behandeln sowie das anvertraute Gut zu schützen. Der Mensch darf seine Impulse geben, aber er darf keinen Schaden zufügen oder gar das anvertraute Gut missbrauchen.