Andacht am Sonntag Lätare

„Bleiben Sie gesund!“

Von Susanne Sengstock, Frauenwerk der Nordkirche


Hier die Andacht zum Nachhören:

„Bleiben Sie gesund!“ – Andacht von Susanne Sengstock

„Bleiben Sie gesund!“ – „Bleiben Sie behütet!“

Susanne Sengstock, Leiterin des Frauenwerks der Nordkirche

„Bleiben Sie gesund“, so beenden derzeit etliche Moderator*innen ihre Sendungen, nachdem sie ausführlich über die immense Ausbreitung des Corona-Virus berichtet haben. Der Wunsch ist nett und gut gemeint, klingt aber auch sehr skurril in meinen Ohren. Im kirchlichen Raum werden Mails jetzt oft mit „Bleiben Sie behütet“ beendet. Hinter diesem Wunsch steht ein Gottesbild von einem gütigen Gott, der uns umfängt, behütet, uns in allen Situationen des Lebens beisteht. Kirchlich engagierte Menschen geben mit dieser und anderen Formeln ihrem Glauben Ausdruck und wollen damit anderen Menschen Mut zusprechen. Viele Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche erwarten in Zeiten wie diesen ja auch und vor allem von Kirche Zuspruch und tröstliche Worte. Ich merke, auch mir kommen solche Wünsche über die Lippen und gleichzeitig sträubt sich etwas in mir. Religiöse Formeln, Voten, Segensworte, geprägte und überlieferte Gebete gehören auch zu meiner Frömmigkeit, aber was, wenn ich nicht gesund bleibe, z. B. weil ich schon jetzt gar nicht gesund bin? Und: Passt das Behütetbleiben eigentlich zu meinem jetzigen Gottesbild, das ja immer wieder in Bewegung gerät?

Die Wirksamkeit der Gotteskraft

Ich liebe es, mich mit biblischen Texten und biblischen Wörtern auseinanderzusetzen. Ein solches Wort ist das griechische dynamis, das im Neuen Testament eine große Rolle spielt. Dynamis heißt so viel wie Kraft, Energie, göttliche Dynamik. In den Heilungsgeschichten der Evangelien beschreibt dynamis die Wirksamkeit der Gotteskraft. Es ist eine Gotteskraft, die bewegt und aufrichtet. Ein anderes wichtiges Wort in den Heilungsgeschichten ist sozein. Übersetzt heißt es gesund machen, aber auch heilen, retten, in die Gottesbeziehung hineinnehmen. In den meisten deutschen Bibelausgaben wird das Wort gesund machen genommen. Jesus macht Menschen auf Grund ihres Glaubens wieder gesund. Was aber ist mit Menschen damals und heute und morgen, die trotz Glauben und Vertrauen krank werden und nicht gesunden? Haben die zu wenig geglaubt, falsch gebetet, ist da nicht genügend Fürbitte von anderen gekommen?  Die Neutestamentlerin Ulrike Metternich warnt davor, sozein nur auf das individuelle körperliche Gesundwerden zu beziehen. Sozein meint vielmehr: Gottes Nähe, Gotteskraft in einer gottlosen Zeit zu spüren, eine Kraft, die etwas mit mir macht, darum geht es.

Ferdinand Hodler, Valentine Godé-Darel im Krankenbett

Biblische Geschichten sind Kollektiv-Texte

Die Heilungsgeschichten des Neuen Testaments sind in einer Krisenzeit aufgeschrieben worden. Ein Krieg war vorbei, ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung tot, viele geflohen, in Kriegsgefangenschaft oder versklavt. Nicht nur Jesus starb am Kreuz, viele andere Menschen wurden mit dieser Hinrichtungsmethode ebenso umgebracht. Mit diesen Erfahrungen hörten, schrieben und lasen Menschen die Heilungsgeschichten und bezogen das, was geschah, auch auf sich und auf ihre Gemeinschaft. Biblische Geschichten sind für mich nie nur individualistisch zu lesen und zu verstehen. Sie sind Kollektiv-Texte, die theologische und politische Inhalte haben. Inmitten des Elends ist Gott erfahrbar, Gotteskraft erzählbar. Durch die Erzählungen werden immer mehr Menschen hineingenommen in die Gottesbeziehung, die Gemeinschaft als solche erfährt Gotteskraft, die aufrichtet. Das ist ein Reden und Denken von Gott, das mich heute anspricht. Da steckt Dynamik drin.

Ostern als Fest des dynamis-Geschehens

Wenn ich in diesen Tagen sehe, wie es knospt und zu blühen beginnt oder wenn ich erklärt bekomme, wie der menschliche Körper Antikörper entwickelt und dann Viren ausschalten kann, dann kann ich Gott nicht böse sein, dass die Welt gerade so ist, wie sie ist. Dann komme ich vielmehr ins Staunen. Ich glaube, dass Gott auf dieser Welt gemeinsam mit uns Menschen und dem mehr-als-Menschlichen unterwegs ist, und zwar sehr dynamisch. Wenn Menschen krank werden (und schlimmsten Falls auch nicht gesunden), dann liegt das nicht daran, dass sie zu wenig geglaubt, falsch gebetet oder zu wenig Fürbitte hatten. Ich glaube auch nicht an einen Gott, der/die mit Krankheit straft. Auch wenn Menschen über alle Zeiten hinweg sich so Leid erklärten und erklären und dies ebenfalls in biblischen Texte festgehalten haben. Doch für heute merke ich: Berichte von Menschen, die erzählen, dass und wie sie Gottes Nähe erfahren haben, berühren mich sehr und sprechen mich mehr an als tröstende Worte und gutgemeinte Wünsche. Deshalb möchte ich sensibel und aufmerksam bleiben für die Erfahrung, dass sich die Wirkkraft Gottes ausbreitet, wenn Menschen auf sie vertrauen, von ihr erzählen – ganz unabhängig davon ob sie gesund, krank, fromm, groß, klein oder sonst was sind – in diesen und auch in anderen Zeiten. Theologisch gesprochen ist das, was dabei geschieht, Auferstehung. Vielleicht wird Ostern, das Fest der Auferstehung, mir dieses Jahr als Fest des dynamis-Geschehens besonders in Erinnerung bleiben, nämlich dann, wenn die dynamis spürbar politisch und gemeinschaftlich heilsam wirken kann. Das wäre schön.

2 Gedanken zu „Andacht am Sonntag Lätare

  1. Liebe Susanne

    danke für die dynamischen Worte in dieser lähmenden Zeit.
    Ich werde einen Osterbreif an unsere Gemeinde schicken und möchte dich fragen ob ich das Bild, die Osterglocken vor den Steinen und dem Zaun dort verwenden darf?
    Ganz liebe Grüße aus Hamburg und bleib behütet
    Kirstin Kristoffersen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.