Es war gut! Und jetzt?

Im Gegensatz zu den vorhergehenden Schöpfungswerken wird die Menschheit in Genesis 1 von Gott nicht als gut betitelt, denn die abschließende Bemerkung „Sieh hin, es ist sehr gut“ bezieht sich auf alles Geschaffene. Stattdessen bekommt die Menschheit aber einen Auftrag. Als ich vor ca. 30 Jahren studierte, wurde dieser theologisch noch als „Herrschaftsauftrag“ bezeichnet. Die Menschen dürfen sich – so wörtlich –  „der Erde bemächtigen“ und „die Tiere niederzwingen“. Sie sollen sich die Erde „untertan machen“. Mit der Aufklärung entwickelte sich daraus ein Verständnis, das es den Menschen angeblich erlaubt, Gottes Schöpfung, die Natur, als etwas zu sehen, das beherrscht werden muss. In der Beherrschung wird es zum Objekt erniedrigt und ausgebeutet. Dieses westliche Verständnis vom Umgang mit der Natur – ausgebildet im 17./18. Jahrhundert – wirkt bis heute nach. Und wir werden als christliche Gemeinde nicht darum herum kommen, dass die Begründungszusammenhänge dafür in der biblischen Überlieferung gesucht wurden und in fundamentalistischen Kreisen bis heute so fortgeschrieben werden.

Gravity [Foto: Miguel Bruna, Unsplash]

Dieser sogenannte „Herrschaftsauftrag“ an uns Menschen passt aber nicht  zu dem, was ich bisher zum Verständnis der Schöpfungsgeschichte herausgearbeitet habe. Ich hatte gezeigt, dass die Geschichte in Genesis 1 darauf angelegt ist, den Rhythmus des Lebens und die Verbundenheit alles Geschaffenen miteinander zu verdeutlichen. Allem wird von Gott zugesprochen, dass es gut ist. Alles lebt aus dem Wort Gottes, aus der Ruach, der Geistkraft, die Lebensatem schenkt und wieder entziehen kann. Wir Menschen sind nicht die Krone der Schöpfung, sondern ein Teil von ihr. In diesem Bewusstsein gibt es den Auftrag an uns alle, Gott gegenüber der Erde und insbesondere den Tieren zu vertreten. Hierbei geht es aber nicht darum, das Geschaffene zu versachlichen und es unter dem reinen Aspekt der Nützlichkeit zu verwerten. Tiere dürfen nach dieser Erzählung gerade nicht gegessen und getötet werden, wie wir gesehen hatten. Als Ebenbilder Gottes hat die Menschheit den Auftrag, das Beziehungsgeflecht, in dem Gott und Geschöpfe stehen, nicht nur zu leben, sondern auch zu reflektieren.  Wir sollen – so wie Gott –  haltend und tragend das Leben und die Erde gegen die Chaosmächte schützen. Und von diesen Chaosmächten gibt es nach wie vor mehr als genug. Es geht in dem Auftrag an uns eben nicht um Herrschaft und Ausbeutung, sondern um Liebe.