K.V. Switzer, Startnummer 261

Fundstück aus: „Der Blaustrumpf“, Ausgabe 01/2018, [Andrea König, Fachstelle Frauenarbeit in Stein, Bayern]

Kathrine V. Switzer
[Marathona [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], from Wikimedia Commons]

Die in Amberg geborene Läuferin Kathrine Switzer schreibt 1967 Sportgeschichte. Als erste Frau nimmt sie am Boston-Marathon teil und verändert diesen für immer.

Jeder kann es sehen. Wenige Kilometer nach dem Start nimmt Kathrine Switzer ihre Wollmütze ab und läuft mit offenen Haaren den Boston-Marathon. Es ist der 19. April 1967 und sie ist die erste Frau, die zusammen mit 740 Männern unter einer offiziellen Startnummer den 71. Lang-streckenklassiker läuft.

„Verlass verdammt noch mal mein Rennen.“

Doch schon kurze Zeit später ist es mit der Euphorie fast vorbei. Von hinten spürt sie eine Hand am Rücken und das tobende Schreien des Rennleiters Jock Semple, der sie verfolgt und ihr zuruft: „Verlass verdammt noch mal mein Rennen und gib mir die Startnummer.“ Eine Frau im Marathon – das hatte es bis dahin noch nie gegeben und das sollte es auch weiterhin nicht geben. Der Rennleiter versucht ihr die Startnummer 261 vom Rücken zu reißen, erwischt sie aber nicht. In diesem Moment kommt von links Kathrine Switzers Freund Tom Miller herangerannt. Der Hammerwerfer und ehemalige Footballspieler mit 115 kg Körper-gewicht rempelt den Rennleiter mit einem Schubs zur Seite. Die Fotos gehen um die Welt.

„Beim Laufen kann die Gebärmutter herausfallen.“

Kathrine Switzer kam im Januar 1947 als Tochter eines US-Soldaten im bayerischen Amberg zur Welt und als Zweijährige in die USA. Mit dem Laufen begann sie bereits als Kind. Um in der Schule als Hockeyspielerin besser zu werden, begann sie jeden Tag zu laufen. Später trainierte sie an der Universität mit den männlichen Leichtathleten und lief bis zu 50 Kilometer. Damals vertraten Sportfunktionäre allerdings geschlossen die Auffassung, Frauen seien zu einem Marathon körperlich nicht imstande. Ihnen könne „beim Laufen die Gebärmutter herausfallen“ zitierte Switzer später die männlichen Sportexperten und deren Argumente gegen Frauen im Marathon. Aus diesem Grund begrenzte man die Wettkampfstrecke für Frauen auf maximal 2,4 Kilometer.

Niemand ahnte, was sich hinter den Initialen verbarg.

Dass sie dennoch teilnehmen konnte, hatte sie ihren Initialen zu verdanken. Bei der Anmeldung gab sie nicht ihren vollständigen Namen Kathrine Virginia Switzer an, sondern lediglich K.V. Switzer. Zudem meldete sie sich mit drei Mitläufern als Gruppe an, darunter u.a. Tom Miller, der die Startnummern abholte. So ahnte niemand, dass sich hinter den Initialen eine Frau verbarg. Trotz des Zwischenfalls mit dem Rennleiter lief Kathrine Switzer nach 4:20 Stunden als erste Marathonteilnehmerin mit einer offiziellen Startnummer über die Ziellinie.

Es dauerte noch bis 1972.

Direkt nach dem Marathon wurde Kathrine Switzer vom US-Amateurverband der Leicht-athleten ausgeschlossen, ließ sich aber nicht von der Teilnahme an Rennen abhalten. Es dauerte noch bis 1972 bis Frauen auch offiziell beim Boston-Marathon starten durften. Kathrine Switzer schrieb mit ihrer Teilnahme am Boston-Marathon vor über 50 Jahren Sportgeschichte und trug zur Gleichstellung von Frauen in einer bis dahin von Männern dominierten Sportart bei. Heute nehmen am Boston-Marathon um die 30.000 Läufer teil – davon sind knapp die Hälfte Frauen. 50 Jahre später nahm Kathrine Switzer 2017 wieder teil – wie damals mit der Startnummer 261.

Projekt „261 fearless“

Kathrine Switzer entwickelte u.a. ein Programm mit 400 Frauenläufen in 27 Ländern und mehr als einer Million Teilnehmerinnen. Heute ist sie mit über 70 Jahren immer noch aktiv und setzt sich mit ihrem nach ihrer Startnummer benannten Projekt „261 fearless“ für Frauen ein, die aufgrund ihrer Religion oder Hautfarbe benachteiligt werden.

Siehe auch:

„Kathrine Switzer: First Woman to Enter the Boston Marathon.“

„Der Blaustrumpf“/ Sonderausgabe 2018