Feindbilder verwandeln mit Hilfe der Gewaltfreien Kommunikation

von Irene Pabst, frauenwerk der nordkirche

„Immer diese rücksichtslosen Fahrradfahrer*innen, die auf dem Fußweg fahren, als ob er ihnen gehören würde.“

„Und diese Fußballfans, die besoffen in der U-Bahn herumgrölen.“

„Noch schlimmer sind diese Kopftuchfrauen. Ehrlich, wie sieht das denn aus? Wie im Mittelalter!“

„Aber am allerschlimmsten sind diese so genannten Wutbürger. Das sind doch alles Rassisten!“

Und was ist Dein Lieblingsfeindbild?

Geben wir es zu, Feindbilder haben wir alle. Und die lassen wir uns nur ungern nehmen. Nicht selten pflegen wir sie hingebungsvoll. Schließlich erleben wir immer wieder, dass sie sich bestätigen. Sie haben auch eine nützliche Funktion. Sie helfen uns, die Übersicht in einer komplizierten Welt zu behalten, sie in richtig und falsch einzuteilen. Das Problem besteht darin, dass wir ganze Gruppen über einen Kamm scheren und damit ganz sicher nicht allen gerecht werden. Feindbilder transportieren Vorurteile und Stereotypen, die sich immer weiter verfestigen. Sie fördern eine selektive Wahrnehmung und ein dualistisches Denken. Sie führen zu Aggression und verbaler Gewalt, nicht selten auch zu körperlicher Gewalt, im äußersten Fall bis zum Krieg. Kriege können nur stattfinden, weil es Feindbilder gibt: die Russen, die Amis, die Taliban …

Es gelingt selten, mit Argumenten allein Feindbilder aufzubrechen, sie sitzen tiefer. Aus Sicht der Gewaltfreien Kommunikation haben sie mit unseren Bedürfnissen zu tun. Bedürfnisse sind unser Lebensmotor. Alles, was wir tun, tun wir, um uns ein oder mehrere Bedürfnisse zu erfüllen, sagte der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation Marshall Rosenberg. Bedürfnisse meinen die elementaren Dinge, die wir zum Leben brauchen wie z.B. Anerkennung, Wertschätzung, Gemeinschaft, Freiheit, Selbstverwirklichung, Fürsorge, Empathie usw. Diese Bedürfnisse sind allen Menschen gemeinsam. Nur haben nicht immer alle zur selben Zeit dasselbe Bedürfnis und Menschen haben unterschiedliche Strategien, sich ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Es kann z.B. sein, dass mein Partner und ich beide das Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung haben und während er gerne spazieren gehen möchte, möchte ich lieber fernsehen. Wenn es uns gelingt, zu sehen, dass es uns um dasselbe Bedürfnis geht, wird es leichter, auch die jeweilige Strategie zu sehen als das, was sie ist: Eine unter vielen andern möglichen. Und es wird uns leichter gelingen, eine gemeinsame Strategie zu finden, die beide zufrieden stellt.

Mit dieser Sichtweise kann ich auch an mein Feindbild oder an das einer anderen Person herangehen. Ich kann mich fragen, was ich an jemand anderem verurteile, das ich mir vielleicht nicht erlaube. Welches Bedürfnis rutscht bei mir ins Minus, wird also nicht erfüllt, wenn eine Person oder eine Gruppe etwas bestimmtes tut. Nehmen sich die Fahrradfahrer vielleicht einfach ihren Raum? Und sorgen die Fußballfans vielleicht einfach für ihren Spaß und ihre Sorglosigkeit? Nimmt sich die Frau mit Kopftuch vielleicht die Freiheit, sich nicht an geltende Schönheitsnormen anzupassen? Geht es den Wutbürgern vielleicht darum, mit ihren Sorgen und Nöten gehört zu werden? Und wie sieht es mit diesen Bedürfnissen bei mir aus? Was tue ich, um mir Raum zu nehmen, um Spaß und Sorglosigkeit zu erleben? Wann habe ich zum letzten Mal etwas für meine Freiheit getan und wann hat mir in letzter Zeit jemand richtig zugehört? Kann es sein, dass ich meine Bedürfnisse ganz schön vernachlässigt habe und deshalb empfindlich reagiere, wenn andere sie sich einfach erlauben?

In einem nächsten Schritt kann ich erkunden, was mir diese Bedürfnisse bedeuten. Ich verbinde mich mit ihnen und spüre ihrer Schönheit nach, spüre in meinem Körper nach, welche Gefühle lebendig werden. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn diese Bedürfnisse erfüllt wären. Raum, Sorglosigkeit, Freiheit, gehört werden. Welche Gefühle werden dann lebendig?

Auf diese Weise innerlich vorbereitet, kann ich versuchen, „auf das Herz der anderen Menschen“ zu lauschen, wie Marshall Rosenberg es nennt. Ich habe schon eine Ahnung, um welche Bedürfnisse es den anderen gehen könnte. Ich habe erforscht, wie wichtig sie mir selbst sind. Vielleicht wird es mir jetzt möglich, mit Mitgefühl auf diese Menschen zu schauen, die meine „Feinde“ sind. Ok, es geht ihnen um Raum oder um Freiheit, das kann ich verstehen. Das ist mir auch wichtig. Im besten Fall löst sich mein Urteil auf, öffne ich die Schublade und entlasse die Menschen von dort in die Freiheit. Das bedeutet nicht, dass ich ihre Strategie gutheißen muss. Das wäre ein Missverständnis. Es bedeutet, dass ich nicht länger pauschal verurteile, sondern den guten Grund hinter einem Verhalten sehen kann. Mein Pulsschlag schnellt nicht gleich in die Höhe und ich kann eine Bitte an mich oder an die anderen stellen. Diese Bitte könnte darin bestehen, dass ich mich selbst bitte, mit mehr Mitgefühl auf meine Mitmenschen zu schauen. Oder sie könnte lauten: „Ich sehe, dass es gefährlich ist, auf der Straße zu fahren. Könntest Du versuchen, mit etwas mehr Abstand an den Leuten vorbeizufahren, damit sie sich nicht erschrecken?“ Oder: „Magst Du mir erzählen, warum Du ein Kopftuch trägst? Ich würde es gerne hören.“ Oder: „Magst Du von Deinen Sorgen und Nöten erzählen? Ich höre gerne zu.“ Manchmal reicht es schon, diese Bitte in Gedanken zu formulieren.

Wenn es gelingt, Feindbilder aufzulösen und zu verwandeln, werden ganz neue Verbindungen möglich, vielleicht auch überraschende Begegnungen oder innerer Friede. Wir können jedenfalls mehr gewinnen als verlieren, wenn wir bereit sind, uns diesem spannenden Prozess zu stellen.

Siehe hierzu auch unter MATERIAL: Übung zur Gewaltfreien Kommunikation.

Literatur zum Weiterlesen:

Marshall Rosenberg, Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens, Junfermann, 8. veränd. Auflage, Paderborn 2009.

Miki Kashtan, The Little Book of Courageous Living, Fearless Heart Publications, Oakland 2013.