Emily Davison – die unerschrockene Kämpferin

Von Inke Pohl, Frauenwerk der Nordkirche

Deeds, not Words. Taten, nicht Worte – eine Inschrift auf einem Grabstein. Er steht auf dem Friedhof St. Mary’s im englischen Morpeth und erinnert an Emily Wilding Davison, eine der wohl kämpferischsten Suffragetten, die ihren Einsatz für Gleichberechtigung  und das Wahlrecht für Frauen mit dem Leben bezahlt hat.

Emily Wilding Davison
[Unknown photographer: Searches have been unable to identify the specific photographer. These included in the publication within which the image was published, other biographies that use the image, general internet searches and through the National Portrait Gallery database (no listing) [Public domain], via Wikimedia Commons.]

Ein Mädchen aus der englischen Bürgerschicht, Tochter eines pensionierten Kaufmanns, mutig, intelligent, vielleicht hochbegabt. Emily Davison darf – anders als viele ihrer Altersgenossinnen – die High School besuchen, ein Studium beginnen. Doch als ihr Vater stirbt, ist es damit aus Geldmangel erst einmal vorbei. Emily, gerade Anfang zwanzig, muss als Gouvernante und Privatlehrerin arbeiten. Sie gibt nicht auf, investiert das verdiente Geld in die Fortsetzung ihres Literaturstudiums und beendet es mit Auszeichnung. Weil ihr als Frau eine wissenschaftliche Karriere verwehrt bleibt, nimmt sie wieder eine Anstellung als Lehrerin auf, schließt sich aber auch der Frauenbewegung WSPO – „Women’s Social and Political Union“ – an.

Durch ihre vehemente Forderung nach dem Wahlrecht für Frauen wird sie zu einer bekannten und gefürchteten Suffragette. Auch, weil ihre Aktionen äußerst kreativ sind: In der Nacht vor der Volkszählung lässt sie sich – versteckt in einem Schrank – im Palace of Westminster einschließen, so dass sie ihren Wohnort wahrheitsgemäß mit „House of Commons“ angeben kann. 1909 versucht sie, im Beisein des damaligen Schatzkanzlers David Lloyd George, eine Rede zu halten. Dafür muss sie ins Gefängnis, ebenso wie schon ein paar Monate zuvor, als sie dem Premierminister eine Petition überreichen wollte. Ihre Aktionen werden immer radikaler. Nach einer weiteren Verhaftung wirft sie sich absichtlich eine Treppe hinunter und zieht sich schwere Verletzungen zu. Ihr Hungerstreik im berüchtigten Strangeway-Gefängnis hat demütigende und brutale Zwangsernährung und Folter zur Folge.

Durch ihre letzte Aktion wird Emily Davison für ihre Mitkämpferinnen zur Märtyrerin und für die Frauenrechtsbewegung unsterblich: Am 4. Juni 1913 läuft die inzwischen 41-Jährige beim berühmten Epson Derby auf die Rennbahn – direkt vor Anmer, das Pferd von König Georg V. Das Tier strauchelt und stürzt auf die Aktivistin, das Rennen ist unterbrochen, Hunderte Menschen eilen zum Unglücksort – unter den Augen des Königs. Vier Tage später erliegt Emily Davison ihren Verletzungen. War es ein geplanter Suizid oder doch „nur“ der unglückliche Ausgang einer spektakulären Protestaktion? Machte sie sich selbst zum Opfer? Und wusste sie, dass die Welt Zeuge werden würde? Dass ausgerechnet diese Szene von Kameras aufgenommen wird – was damals äußerst selten war? Dass ihr Ende, auf Zelluloid gebannt, ein Morgen in den Film-Archiven haben würde?

The English suffragette Emily Davison after she was hit by a horse at the Epsom Derby on 4 June 1913 [Source: The Bumping and the Suffragette Derby: Two Sensations – The Sketch, 11 June 1913, page 291; Author: Unclear. There are five photographs on the page, credited to C.N., Topical and Farringdon Photo Co.; via Wikimedia Commons.]

Die Geschichte von Emily Davison und die Inschrift ihres Grabsteins wurden 2016 im Film „Suffragette –Taten statt Worte“ verewigt. Im Jahr 2019, 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland, werden die Aktivistinnen von damals wieder lebendig. So radikal ihr Kampf auch gewesen sein mag: Emily Davison hat es als eine der mutigsten Frauen der Geschichte verdient, dass die Erinnerung an sie nie verblasst.