Frauen, die die Zukunft gestalten

Hintergrundartikel von Flora Mennicken, Frauenwerk der Nordkirche

Ich schalte das Radio an. Schlage die Zeitung auf UND SIEHE: Krisen Krisen Krisen.

Dürren, Überschwemmungen, Taifune und verherende Feuer – das Klima wandelt sich. Inselstaaten stellen Anträge für ihre Bevölkerung, um im Falle einer Überschwemmung auf den Nachbarkontinenten aufgenommen zu werden. Gleichzeitig breiten sich Wüsten immer stärker aus und in der Nähe des Äquators wird das Leben immer schwieriger. [1]

In Europa haben wir es, bis zur 2°C Grenze, zwar erst einmal gut – doch auch hier nehmen Stürme und Trockenheit zu. Was bei mehr als 2 Grad passiert, kann niemand abschätzen. Die aktuelle Prognose beträgt schon 3,6°C und wenn alle so leben würden wie wir in Europa bräuchte es 3 Erden. Doch woher die nehmen? Oder eben doch nur gutes Leben für einige?

Auf fünf von sieben Kontinenten herrschen zurzeit gewaltvolle Konflikte. 2014 sind weltweit 164.000 – 220.000 Menschen direkt an Kampfhandlungen gestorben, so viele wie seit 26 Jahren nicht mehr. [2] Der Global Peace Index 2018 hat festgestellt, dass die Welt heute weniger friedlich ist als vor 10 Jahren. In 61% der europäischen Ländern ist die Lage konfliktreicher geworden als 2008. Die Zahl der zivilen Toten durch terroristische Attacken, interne Konflikte oder Bürgerkriege ist heutzutage jeweils so hoch, wie die Zahl der militärischen Toten (Soldat*innen) zur Zeit des zweiten Weltkrieges. [3]

Rechte und Rechtspopulistische Strömungen nehmen weltweit zu. Dabei bleibt es nicht nur bei verbalen Äußerungen. Die gemeinsame Chronik der Amadeu Antonio Stiftung und PRO ASYL gegen flüchtlingsfeindliche Übergriffe zählte 2018 in Deutschland 1055 Übergriffe auf Asylsuchende und ihre Unterkünfte, 8 davon waren Brandanschläge, 266 tätliche Übergriffe mit Köperverletzung [4]. Und diese Zahlen erfassen noch längst nicht alle rassistischen und menschenfeindlichen Taten in Deutschland.

Ein Problem ist zum Beispiel, die zunehmende massive Radikalisierung im digitalen Raum [5]. In den sozialen Medien hat sich eine unkorrigierbare Parallelwelt gebildet – unkorrigierbar, da ihre Anhänger*innen an ihrer Version der Welt festhalten, auch wenn fundierte Informationen sie widerlegen. Über die Idee einer vermeintlichen “weißen Identität”, die bedroht werde, lassen sich rechtsextreme Konzepte inzwischen weltweit verwenden. Auf solche Konzepte hat sich zum Beispiel auch der rechtsextreme Australier, der in Christchurch 50 Muslim*innen tötete, berufen.

Und siehe: Eine Welt mit ungezählten Katastrophen rollt unaufhaltsam dem Abgrund entgegen?

Foto: CC-BY 4.0, unteilbar.org, Stephan Guerra (https://www.unteilbar.org/demonstration/fotos/)

Nein. Es gibt noch viel mehr Puzzelteile neben den Katastrophen, die die Welt bunter machen. So gingen im letzten Oktober eine viertel Millionen Menschen auf die Straße um sich für Solidarität statt Ausgrenzung einzusetzen. Für Feminismus und das gute Leben für Alle. [6] Und diese laute, bunte Welle schwappt weiter, wenn z.B. Schüler*innen für eine andere Klimapolitik, für ihre Zukunft auf die Straße gehen.

Oder als am 8. März Frauen* weltweit und auch in unseren Städten im Norden gestreikt haben; mit bunten und deutlichen Aktionen ein Recht auf körperliche und geschlechtliche Selbstbestimmung eingefordert, erzwungenen Schönheitsnormen etwas entgegengesetzt und sich für ein gutes Leben für Alle eingesetzt haben. [7]

Und wir feiern 100 Jahre Frauenwahlrecht, bald das Jubiläum des Grundgesetzes, Frauen als Pastorinnen sind eine Selbstverständlichkeit – es geht voran.

Quartett zu Frauen und Reformation Foto: Flora Mennicken

Ada Ehmler, und mit ihr die vielen anderen Frauen, die wie mit unserer Reformations-ausstellung wieder entdeckt haben, hat uns angestiftet; angestiftet zu glauben, dass unser Engagement von heute etwas für das Morgen nachhaltig verändern kann.

Ada Ehmler ist untrennbar mit der Südafrika-Boykott-Kampagne der Nordelbischen Kirche verbunden. Aufgewachsen in der NS-Zeit wollte sie „bei keiner Form von Rassismus mehr mitmachen“. Und so hat sie sich mit der Aktion „Kauft keine Früchte aus Südafrika“ gegen das Apartheitsregime eingesetzt. Damit legte sie auch den Grund für eine neue, politisch orientierte evangelische Frauenarbeit. Eine Frau, die Zukunft gestaltet hat. [8]

Was brauchen wir für ein gutes Leben? Wir brauchen Ideen davon, wie es anders gehen kann und Freiheit von all den einschränkenden Gedanken, die uns immer wieder sagen: „So geht das doch eh nicht“. Wir brauchen Träume und Visionen. Wir brauchen Menschen, die losgehen, die heute was tun.

So wie diese Frauen:

Foto: Howard County Library (CC BY-NC-ND 2.0) [8]

Chimanda Ngozi Aidiche

… ist eine feministische Autorin aus Nigeria. Aufgewachsen mit Kinderbüchern, die hauptsächlich von weißen Kindern im Norden der Welt erzählen, wollte sie ihre eigenen Geschichten – und die von anderen schwarzen Autor*innen verbreiten. Und das tut sie: ihre Bücher sind mittlerweile in 30 Sprachen übersetzt. Sie hat verschiedene Preise gewonnen und ihre Reden gegen Rassismus und für Feminismus gehören zu den meist geklicketen auf Youtube. Hier könnt ihr sie anhören:

The Danger of a Single Story und We should all be feminists.

Stevie Schmiedel, Portrait. Copyright: Yvonne Schmedemann [9]

Stevie Schmiedel

… ist die Gründerin und Geschäftsführerin von PinkStinks, einer kleinen aber schlag-kräftigen Organisation, die sich gegen Sexismus in Werbung und für eine Vielfalt von Rollenbildern einsetzt. Irgendwann war die zunehmende Pink- und Hellblau-Einteilung der Spielzeugecken Stevie Schmiedel einfach genug. Sie ließ sich von einer Londoner Social Media Aktion inspirieren und PinkStinks entstand.

Heute ist PinkStinks mit ihrer Schnelligkeit die meistzitierte Frauenrechtsorganisation Deutschlands und macht die Wut und den Protest von vielen zu sexistischer Werbung, stereotypen Rollenbildern und engen Geschlechterklischees sichtbar. Dabei sind sie mit dem Positiv-Preis „Pinker Pudel“ konstruktiv unterwegs und zeigen immer wieder Wege, wie es anders geht.

Hier könnt ihr euch selber von den Aktionen überzeugen und euch mit Material versorgen: http://www.pinkstinks.de

Friederike Habermann foto: Christopher Schwarzkopf ( CC BY-SA 4.0 ) [10]

Friederike Habermann

…. ist Aktivistin und freie Akademikerin. Sie setzt sich als Ökonomin ein für eine andere Art des Wirtschaftens. Mit ihren Büchern zu Postwachstum, Tausch- und Schenkgemeinschaften oder der Idee der Commons (dem gemeinsamen Wirtschaften) setzt sie dem neoliberalen Einheitsbrei der universitären Wirtschaftswissenschaften etwas entgegen.

Dabei interessiert sie sich vor allem für das Verwobensein von Ökonomie und Herr-schaftsverhältnissen. Friederike Habermann setzt mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit neue Fundamente für ein anderes Wirtschaften, das klimafreundlicher und sozialer ist, und macht so den Raum weit, für das, was möglich ist.

Foto: Angelique Karekezi, Geschäftsführerin Rwashossco und Eugenie Mukandanga, Rösterin bei Rwashossc

Angelique Karekezi

… ist die Geschäftsführerin von Rwashossco, einer Kaffeerösterei in Ruanda. Eine Rösterei, die als Gemeinschaftsunternehmen verschiedener Kooperativen, vollständig im Besitz von Kaffebauern*bäuerinnen ist.

Irgendwann war es Angelique Karakezi genug, dass Frauen in der Kaffeeindustrie zwar 70% der Arbeit erledigen – vor allem die körperlich anspruchsvollen und zeitaufwendigen Tätigkeiten, wie das Versorgen der Pflanzen, die Ernte und das Auslesen der Bohnen – aber nur 30% der Erlöse bekommen. [12] Um das zu ändern entstand, zusammen mit der Kaffee-Kooperative.de, ein Kaffee der vollständig von Frauen produziert wird. Anelique Finest heißt er, wächst in den Hochlagen Ruandas und ermöglicht den Produzentinnen und ihren Familien finanzielle Unabhängigkeit und mehr Teilhabe. Zu bekommen ist er über den Shop der Kaffee-Kooperative.

Damit das Geld auch wirklich bei denen ankommt, die die grundlegende Arbeit tun und nicht nur bei Veredler*innen in Deutschland arbeitet das Projekt nach dem Fair Chain Ansatz. Die gesamte Herstellung des Kaffes wird in das Herkunftsland des Rohstoffes, also nach Ruanda verlagert, sodass sich dort die Wertschöpfung erhöht. So wird eine gerechtere Verteilung von Profiten im globalen Handel möglich. [13]

Aber die Transformation der Gesellschaft hängt nicht nur an großen einzelnen Per-sönlichkeiten, sondern an den schon sprichwörtlich gewordenen „vielen kleinen Leuten“, die an „vielen kleinen Orten viele kleine Schritte tun“.

Und es gibt sie:

Der Landesfrauenrat in Mecklenburg-Vorpommern hat entdeckt, dass es oft Frauen sind, die im Kleinen große Veränderungen bewirken. Damit diese nicht im Verborgenen bleiben, und andere von ihren Ideen lernen können, gibt es seit 2017 die Ausstellung: „Raumpioniere in MV“.

Im offenen Werkstatthaus beim Allerhandverein in Qualitz, in der Alten-WG auf dem Land in Neunedorf, auf der Saatgutbörse in Groß Rünz, in der Dorfuni des Projekthofs Karnitz, bei den internationalen Jugendbegegnungen auf Schloss Bröllin: überall wird Zukunft gestaltet, werden neue Ideen gedacht und umgesetzt. Damit wir sagen können:


Links und Quellen

[1] https://www.bpb.de/gesellschaft/umwelt/klimawandel/

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_andauernden_Kriege_und_Konflikte

[3] http://visionofhumanity.org/reports/

[4] https://www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/service/chronik-vorfaelle

[5] https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/rechtsextremer-terror-2-0-massive-radikalisierung-im-digitalen-raum-46609/

[6] https://www.unteilbar.org/demonstration

[7] https://frauenstreik.org/in-den-medien/rueckblick-2019/

[8] https://www.flickr.com/photos/hocolibrary/34457899503

[9] https://pinkstinks.de/pressefotos/

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Friederike_Habermann#/media/File:Friederike_Habermann_(11._ABC_des_Freien_Wissens,_2015).jpg

[11] http://www.landesfrauenrat-mv.de/raumpioniere

[12] https://kaffee-kooperative.de/angeliques-finest/

[13] https://fairchain.org/lowdown/