„Start me up“ – Song für Mai

Virtual Insanity

Von Franziska Pätzold, Frauenwerk der Nordkirche

Jay Kay von Jamiroquai
[von: Eva Rinaldi; via: CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)]

Wie machen sie das nur? Jamiroquai haben es noch immer geschafft, mir mit ihrem Funk und Groove, ihrem „Acid Jazz“ ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern und mindestens ein Zucken in die Beine. Dabei sind ihre Texte oft, so wie beim „Start me up“-Song dieses Monats, weder heiter noch eigentlich tanzbar. Ist das nun Fatalismus, dass frau/ man es doch tut? Oder was steckt dahinter?

In „Virtual Insanity“ [Virtueller Irrsinn] besingt Jay Kay die verrückte Welt, in der wir leben – ihren Zustand, der sich täglich verschlechtert und die Unfähig-keit des Menschen, sich in irgendeiner Weise konstruktiv dazu zu verhalten: And nothing’s going to change the way we live, ´cause we can always take but never give. [Und nichts wird je die Weise verändern, in der wir leben, weil wir immer nehmen können, aber niemals geben.] Weiter erzählt der Song von unserer Technologie-Besessenheit und davon, dass uns für die Zukunft keine anderen Lösungen einfallen, als immer noch mehr Technik, immer noch mehr „virtueller Irrsinn“. „Technophilie“ heißt dieses Phänomenen, das auch gerade Thema auf der diesjährigen „Republica“ in Berlin war. Wann wird Technophilie zu Technologie-Hörigkeit? Und wann tritt vielleicht das ein, was Jamiroquai als düstere Zukunft so beschreiben: Oh, now there is no sound for we all live underground. [Kein Geräusch ist mehr zu hören, weil wir alle unter der Erde leben.] Oder ist kein Geräusch mehr zu hören, weil wir alle wie gebannt auf unsere diversen Bildschirme starren…?

Was mich an diesem Song immer wieder am meisten fasziniert, ist, dass er schon aus dem Jahr 1996 stammt. Wenn ich mich so zurückerinnere, kann ich mir übehaupt nicht mehr vorstellen, wie die „Virtual Insanity“ damals ausgesehen haben soll. Da könnte frau Jamiroquai fast hellseherische Fähigkeiten unterstellen – oder eben gute Menschenkenntniss und einen wachen Blick für das, was ist und das, was sein kann und sein wird. Und deswegen passt der Song zu unserem Jahresthema. Denn beides, finde ich, gehört dazu – Zugewandheit und Wachheit – , wenn frau/ man heute etwas für die Zukunft bewegen will.

Die Live-Version, die unten zu finden ist, zeigt, wie Jamiroquai diesen Song 2010 an-lässlich der Friedensnobelpreis-Verleihung an den chinesischen Schriftsteller und Menschenrechtler Liu Xiaobo performen. Und, ehrlich gesagt, bin ich in diesem Moment froh über die „Virtual Insanity“, die es mir erlaubt, diesen Augenblick mit- und nachzu-erleben. Zwischendurch klingt das Orchester, für meinen Geschmack, mal ein bisschen sehr nach James Last, aber drumherum groovt und funkt es unwiderstehlich, so dass sich nicht einmal das scheinbar steifgefrorene norwegische Publikum [mal abgesehen von meinem persönlichen Helden in Minute 2:08] des Mitklatschens erwehren kann.

Ein weiterer positiver Aspekt der „Virtual Insanity“ unserer Zeit ist wohl, dass, wenn überhaupt, der 2017 verstorbene und damals in Haft befindliche Liu Xiaobo auf diese Weise, nämlich virtuell, dabei sein konnte.

The Nobel Peace Prize 2010 to Liu Xiaobo
[Liv Ullmann reads text by Liu Xiaobo: I have No Enemies: My Final Statement.
von: Marta B. Haga/MFA, Oslo; via flickr.com]

„Virtual Insanity“ von Jamiroquai

Oh yeah, what we’re living in [let me tell ya].
It’s a wonder man can eat at all, when things are big that should be small.
Who can tell what magic spells we’ll be doing for us?
And I’m giving all my love to this world only to be told:
I can’t see. I can’t breathe. No more will we be.
And nothing’s going to change the way we live,
´cause we can always take but never give.
And now that things are changing for the worse,
see, its a crazy world we’re living in
and I just can’t see that half of us immersed in sin.

Is all we have to give these Futures made of virtual insanity now?
Always seem to, be governed by this love we have
for useless, twisting, our new technology.
Oh, now there is no sound for we all live underground.

And I’m thinking: What a mess we’re in!
Hard to know where to begin.
If I could slip the sickly ties that earthly man has made.
And now every mother can choose the color of her child.
That’s not nature’s way.
Well that’s what they said yesterday:
There’s nothing left to do but pray.
I think it’s time I found a new religion.
Whoa, it’s so insane to synthesize another strain.
There’s something in these Futures that we have to be told.

Futures made of virtual insanity now
always seem to be governed by this love we have
for useless twisting our new technology.
Oh, now there is no sound for we all live underground. […]

Songwriter: Jason Kay / Derrick Mckenzie / Simon Katz / Toby Smith / Wallis Buchanan / Stuart Zender; Songtext von Virtual Insanity © Sony/ATV Music Publishing LLC

Und hier geht’s zum Song: Jamiroquai – Virtual Insanity [live at Nobel Peace Prize Concert 2010]