Und siehe: Geschichten erzählen…

Ein Gastbeitrag Von Nele Tanschus, Fachstelle Alter der Nordkirche

Angefragt zu einem Gastbeitrag für diesen Blog, fiel mir sofort ein, worüber ich schreiben wollte. Just hatte ich vor kurzem gelesen, dass wir uns zwar aktuell noch im Informationszeitalter befänden, in welchem Wissen Macht bedeute und es oberstes Ziel sei, an Daten zu gelangen. Doch stellte das Buch, welches ich las, auch die These auf, dass wir uns nun auf ein neues Zeitalter zubewegen würden indem Informationen nicht mehr alles wären. Vielmehr würde das Storytelling, das Geschichtenerzählen, immer mehr an Bedeutung gewinnen.

Welch eine faszinierende Idee! Ich war von Begeisterung ergriffen, als mir da langsam dämmerte, was das bedeuten könnte.

Pink Umbrella,
von Nele Tanschus

Mein Forschungsinteresse gilt den Beziehungen zwischen den Generationen in Tansania. Es heißt, früher hätten dort die alten Menschen zu den jüngeren andere, aus ihrer Sicht bessere Beziehungen gehabt. Heute jedoch hätten sie keine so guten Beziehungen mehr. Sie hätten weniger Einfluss auf die Jüngeren, fänden weniger Gehör und erhielten weniger Hilfe. Nun gibt es verschiedene Hypothesen, warum es heute so anders ist als früher. Eine betrifft den Bereich der Bildung. Früher gaben die Älteren das Wissen zum [Über-]Leben an die Jüngeren weiter. Heute ist das Wissen der Älteren nicht mehr so gefragt, da die Kinder zur Schule und auf Universitäten gehen und sich Wissen aus Büchern oder auch dem Internet aneignen können. Im Zeitalter der Informationen haben die Älteren als Träger von Wissen sozusagen ausgedient.

Doch was könnte es für eine Bedeutung haben, wenn nun das Geschichtenerzählen wieder wichtiger, viel wichtiger sogar als die Informationen an sich werden würde? Geschichtenerzählen – das können die Älteren doch!

Damals gab es in den Dörfern in Tansania „Shikome“. Die Familien kamen zusammen, es wurde der Tag besprochen, Aufgaben verteilt ebenso wie Bestrafungen. Es wurden aber auch Geschichten erzählt, die Lebensweisheiten und Regeln des sozialen Miteinanders vermitteln sollten. In dieser Form gibt es Shikome [zumindest in meiner Untersuchungs-region] nicht mehr in den Dörfern.

Wenn nun die Fähigkeit zum Geschichtenerzählen wieder wichtiger würde, würden vielleicht auch die Älteren mit ihren Fähigkeiten des Geschichtenerzählens wieder interessanter, da Junge von ihnen inspiriert werden könnten. Ob so etwas letztendlich passiert, steht in den Sternen. Aber die Möglichkeit, die Idee, versetzt mich doch in freudige Aufregung.

hand in hand/ old@new/ past@future,
von Christian [via https://www.flickr.com/photos/chrisk4u/3523009191/]

„Und morgen war alles gut“ – ja, vielleicht wird es in der Zukunft, im Morgen, ja wirklich wieder gut sein für die Älteren – was ihre Bedeutung und ihren Beitrag zu einem Miteinander der Generationen anbelangt.

Wie ist das bei euch? Könnt ihr euch an eure Großeltern und Eltern erinnern, wie sie euch Geschichten erzählt haben? Welche Geschichten waren das? Was verbindet ihr mit ihnen? Und: Erzählt ihr selbst gern Geschichten in euren Familien?

Was haltet ihr von der Idee, dass die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen zukünftig relevanter sein könnte als das bloße Verfügen über Informationen?

Literaturhinweis:

Daniel H. Pink, Unsere kreative Zukunft, Riemann Verlag, 2008.

2 Gedanken zu „Und siehe: Geschichten erzählen…

  1. Als ich deinen Beitrag gelesen habe dachte ich, o ja Geschichten erzählen das interessiert mich.
    Aber warum gehst du mit deiner Forschung über die Beziehungen zwischen den Generationen soweit weg bis nach Tansania?
    Ich denke, dass du genau dasgleiche auch hier bei uns z.B. in Vorpommern erfahren kannst.
    Sicher nicht erst in der letzten Generation. Aber in den Dörfen und kleinen Familienbetrieben wurde auch die Arbeit und alles was für die Gemeinschaft wichtig war besprochen und die Erfahrungen der älteren Generation hatten daran großen Anteil.
    Heute hat das Geschichtenerzählen mehr Erinnerungswert als Wissen zuvermitteln.
    Trotzdem denke ich, dass Geschichten zu erzählen gerade deshalb wichtig ist, um die Verbindung zu den Generationen vor uns, besonders auch in der eigenen Familie nicht zuverlieren.

    • Mir wurde damals das Thema für meine Doktorarbeit nahe gelegt, weil wir ganz neu eine Partneruniversität dazubekommen haben. Aus Tansania. Die äußeren Rahmenbedingungen bestimmten also, womit ich mich auseinandersetzte. Und meine Erfahrungen und mein gesammeltes Wissen bestimmen meine Gedanken und Assoziationen. Davon berichte ich oben.
      Aber ja, man kann sich dieses Thema auch genauso gut hier und anderswo anschauen! Das finde ich sehr spannend.

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