Yasmina Reza – das Lachen, die Wurzeln, das Leben und das Schreiben

Eine kurze Biographie der weltweit meistgespielten zeitgenössischen Dramatikerin zu ihrem 60. Geburtstag

VON FRANZISKA PÄTZOLD, FRAUENWERK DER NORDKIRCHE

Das Lachen

Yasmina Reza
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„Ich lache gern, aber das bedeutet nicht, dass ich in dem Moment auch glücklich bin. […] Die geistreichsten Menschen sind immer Pessi-misten. Sie sind auch die humorvollsten. Ich habe noch nie mit einem Opti-misten richtig gelacht. […] Die Aufgabe der Kunst ist es, ein zusätzliches Licht auf das Leben zu werfen und unser-em an sich doch ziemlich trübseligen Dasein ein bisschen Glanz zu verleihen. Die Kunst soll den Menschen in eine Dimension versetzen, die über dem Alltag steht, sie soll ihn klüger machen. Ob der Mensch dadurch auch glücklicher wird, wage ich zu bezweifeln.“

Glück ist langweilig | ZEIt Online

Yasmina Reza [* 1. Mai 1959 in Paris] ist eine französische Schriftstellerin. Sie begann ihre künstlerische Laufbahn als Schauspielerin, wurde aber vor allem als Autorin von Theaterstücken, Romanen und Drehbüchern bekannt. Ein weltweites Publikum er-reichte sie mit ihren Stücken Kunst, Drei Mal Leben und Der Gott des Gemetzels. Letzteres wurde 2011 mit Jodie Foster, Kate Winslet, John C. Reilly und Christoph Waltz in den Hauptrollen verfilmt.

Die Wurzeln

„Mein Leben verlief durch und durch banal“, sagt Yasmina Reza über sich selbst. „Ich bin in Paris geboren, ging in Paris zur Schule, habe in Paris studiert. […] Was allerdings weniger banal ist, ist meine Herkunft […].“[1] Yasmina Reza stammt aus einer weitver-zweigten jüdischen Familie. „Mein Vater war Iraner, meine Mutter Ungarin, meine Groß-eltern liegen irgendwo in Amerika begraben.“[2] Weiter nach ihrer Herkunft und ihren Wurzeln befragt, antwortet sie: „Ich denke, dass mir meine Eltern von ihrer Jugend, ihren Ländern, ihrer Sprache und auch von ihrer Religion nichts übertragen haben. Ich habe höchstens einen Gefallen für einige Dinge bewahrt, so etwa die Musik. Abge-sehen davon kann ich nicht sagen, dass ich von irgendwoher komme.“[3] „Ich habe nie eine Heimat besessen […], und ich lebe nun zufällig in Frankreich. Die einzige Heimat, die ich kenne, ist die französische Sprache.“[2]

Vor allem die Familie ihres Vaters blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Als sephardische Juden waren sie bis vor etwa 500 Jahren in Spanien ansässig, emi-grierten von dort nach Persien, Ende des 19. Jahrhunderts nach Moskau, und 1918 schließlich – in den Wirren der russischen Revolution – nach Paris. Unter dem An-passungsdruck konvertierten sie über die Jahrhunderte zeitweise, wenigstens äußer-lich, zum Katholizismus oder zum Islam, und ihr Familienname wandelte sich von Gedaliah [hebräisch] über Reza [persisch] zu Rezaiov [russisch] und schließlich zurück zu Reza und – für den israelischen Zweig der Familie – zu Gedaliah.

Yasmina Reza wuchs in Paris auf – „mit wunderbaren Eltern, in kultivierten und wohl-habenden Bedingungen“.[2] Musik hatte einen besonderen Stellenwert im Familien-leben. Ihre Mutter war Violinistin, ihr Vater, von Beruf Ingenieur, spielte Klavier. „Ich würde meine Familie sicher nicht als Musikerfamilie bezeichnen, aber als Familie von passionierten Musikliebhabern. Mein Vater pflegte sich im Morgenmantel vor uns Kinder zu stellen und Beethovens Fünfte zu dirigieren, während dazu die Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern lief.“[2]

Das Leben und das Schreiben

Nach ihrem Schauspielstudium hatte Yasmina Reza zahlreiche Engagements auf französischen Bühnen in Stücken zeitgenössischer und klassischer Autoren. 1987 begann sie dann selbst zu schreiben. „Ich liebte das Theater, und ich liebte die Sprache, also war es logisch, für das Theater zu schreiben“.[2] Die Erfolge ließen nicht auf sich warten. Bereits ihre ersten beiden Stücke wurden mit dem renommierten fran-zösischen Theaterpreis Molière ausgezeichnet. Ihr drittes, Kunst [1994], avancierte zu einem Welterfolg. Es erhielt mehrere Preise, auch internationale [darunter den Tony Award und den Laurence Olivier Award] und war ihr Durchbruch zur weltweit meistge-spielten zeitgenössischen Dramatikerin. Es folgten weitere Welterfolge wie Drei Mal Leben [2000] und Der Gott des Gemetzels [2006].

Ein verbindendes Element fast aller Hauptfiguren in Yasmina Rezas Stücken ist deren Herkunft aus einem großbürgerlich jüdischen Milieu, ein anderes ist ihr Bezug zu den Künsten. Beides deutet auf einen autobiografischen Hintergrund, zu dem sich Yasmina Reza auch ausdrücklich bekennt. „Ich glaube, dass man wirklich gut nur über seine eigenen Obsessionen schreiben kann.“[1] Allerdings bedeutet das für sie nicht, Erlebtes zu beschreiben, sondern Möglichkeiten zu erkunden. „Für mich ist Schreiben eine Erfor-schung des Menschlichen, ein Erschließen des Unbekannten. Das Schreiben erlaubt mir, andere Leben zu leben.“[1]

Ein Fazit

Für mich ist Yasmina Reza eine Meisterin der Nüchternheit – und damit meine ich nicht, sie wäre fade. Im Gegenteil, ihre Stücke sind gewürzt mit Witz und einem, oft schwer verdaulichen, feurigen Scharfsinn. Nüchtern aber ist sie in ihrem Realismus. Wie das Zitat oben zeigt, neigt sie nicht dazu, die Dinge zu beschönigen. Ich glaube nicht, dass sie deswegen eine Pessimistin ist, sondern eher jemand, die das Leben und die Kunst liebt, ohne deshalb die Augen vor der Realität zu verschließen. Sie kennt und erkennt die Menschen als das, was sie sind – nämlich: nicht perfekt, beinflußbar, eitel, ver-letzlich – eben menschlich. Sie kann die Dinge drastisch auf die Spitze treiben. Sie schafft es, alle möglichen Gefühle auf die Bühne zu bringen und in den Zuschau-er*innen hervorzurufen. Sie zeigt wie schmal der Pfad zwischen Lachen und Entsetzen ist, und wie dünn das Mäntelchen der Zivilisiertheit. Einen guten Eindruck davon gibt der Trailer zur Verfilmung von Der Gott des Gemetzels [siehe unten]. Yasmina Rezas Stücke sind im besten brechtschen Sinne leereich und haben in ihrer Schonungs-losigkeit etwas subversives und zukunftsWEISEndes. Für mich ist sie deshalb eine Heldin des Jahresthemas.

Trailer: Der Gott des Gemetzels, Constantin Film, 2011

Quelle: Wikipedia-Beitrag zu Yasmina Reza