Alles gut nach ’45?

Reflexionen zum Interreligiösen Gedenken anlässlich des 74. Jahrestages der Befreiung des Frauen-KZ Ravensbrück

Von Franziska Pätzold, Frauenwerk der Nordkirche

Psalmworte

Gott verwandelt den Fels in einen Wasserteich, einen Kiesel in eine Wasserquelle.

Psalm 114,8

Leben, Vielfalt, Gott, Luft, Licht, Gewaltlos, Gedenken, Suchen, Recherchieren und Frieden in vielen Sprachen – diese Worte stehen auf Steinen, gelegt um einen gefüllten Wasserkrug herum. Dieses Bild entsteht in der Mitte des Interreligiösen Gedenkens in Ravensbrück. Ein Wort taucht viele Male auf: Liebe. Und ein Wort beschäftigt mich nachhaltig auch noch lange Zeit später: Zukunft.

Am 14. April trafen sich Frauen und Männer verschiedener Herkunft, verschiedenen Glaubens und verschiedener Weltanschauung zu einem gemeinsamen Vorhaben – Gedenken. Anlässlich des 74. Jahrestages der Befreiung des Frauen-Konzentra-tionslagers Ravensbrück hatte die Zukunftswerkstatt Interreligöses Gedenken zu diesem Zusammenkommen eingeladen. Jüdische, christliche und muslimische Frauen und Männer bereiteten gemeinsam dieses Gedenken vor und stellten es unter das obengenannte Psalmwort. Die Assoziationen dazu waren vielfältig: Wasser aus Felsen; [Wieder-]Belebung; Erwachen aus Starre; Wandlung; Transformation; lebensspendendes, lebensnotwendiges Gedenken.

Wasser und Steine

Steine aus Ravensbrück

[von: Franziska Pätzold,
Frauenwerk der Nordkirche]

Besonders in Erinnerung bleiben mir dabei sowohl das gemeinsame Musizieren der Besucher*innen des Gedenkens mit der jüdischen Kantorin Jalda Rebling, dem evangelischen Kirchenmusiker Lukas Storch und dem Chor der ev. Gemeinde in Fürstenberg/ Havel, als auch der Beitrag der Schülerinnen des Templiner Gymnasiums. Eine der Schülerinnen erzählte von Erna Brzezinski, einer Bürgerin aus Templin, die im KZ Ravensbrück als sog. Asoziale inhaftiert war, weil sie eine Liebesbeziehung mit einem polnischen Mann hatte. Sehr eindrücklich berichtete sie von der Begegnung mit Erna Brzezinskis Kindern. Die Schülerinnen, die in Templin unter Begleitung ihres Religions-lehres Holger Losch ein altes VDN-Denkmal neu gestaltet hatten, begannen die Trans-formation der Mitte um den Wasserkrug herum mit kreisförmig angeordneten Radien-steinen, die mit Worten beschriftet waren, die ihnen im Bezug auf das Gedenken wichtig waren, sowie mit dem Wort Frieden in vielen europäischen Sprachen. Daraufhin waren die Besucher*innen des Gedenkens eingeladen, die von ihnen mitgebrachten Steine mit den Wort[en] zu beschriften, die sie bewegten und sie ebenfalls in der Mitte abzulegen.

„Asozial“ !?

Plakat zum Interreligiösen Gedenken 2019

Neben Erna Brzezinski, stand Betty Voss als weitere als asozial inhaftierte Frau thematisch im Mittelpunkt des Gedenkens, sowie die Gruppe der sog. Asozialen im Allgemeinen. Als „asozial“ wurden jene angesehen, die nicht den klaren und be-grenzten Norm- und Moralvorstellungen des NS-Staates gemäß lebten: Frauen in prekären Ver-hältnissen mit mehreren, auch unehelichen Kindern; Frauen in Liebesbeziehungen mit „Nichtdeutschen“; lesbische Frauen; Prosti-tuierte, die sich der strikten Kontrolle des NS-Staates entzogen; Mädchen und junge Frauen, die eine regelrechte „Karriere“ in Heimen und „Erziehungs-anstalten“ hinter sich hatten… In den Jahren 1939/40 stellte die Gruppe der „asozialen“ Frauen die größte Gruppe innerhalb des KZ Ravensbrück da. Dennoch waren sie aufgrund ihrer unter-schiedlichen Hintergründe und Inhaftierungsgründe kaum als Gruppe zu beschreiben. Unter ihnen fehlte jeglicher sozialer Zusammenhalt. Der Lageralltag verstärkte oft noch die Stigmatisierung und die Vorurteile der Außenwelt und führte somit zusätzlich zu Isolation und Vereinzelung. Diese bestand auch nach der Befreiung des KZ fort. Bis heute fehlt eine Lobby und die regelrechte Anerkennung der „Asozialen“ als Opfergruppe. Nur wenige der Frauen erhielten Entschädigungsleitungen – und wenn, dann erst sehr spät.

Das KZ Ravensbrück

Das Konzentrationslager Ravensbrück wurde am 30. April 1945 befreit. Von 1939 bis 1945 war Ravensbrück das zentrale Frauen-Konzentrationslager des NS-Regimes. Mehr als 120.000 Frauen und Kinder aus über 30 Ländern sowie 20.000 Männer und 1.200 weib-liche Jugendliche wurden dorthin verschleppt. Zu dem Lagerkomplex gehörten neben dem Frauenlager ein kleineres für Männer, zahlreiche Außenlager, das Siemenslager und das „Jugendschutzlager“ Uckermark. Mindestens 28.000 Häftlinge wurden hier durch die Haft-bedingungen umgebracht.

Alles gut nach ’45?| Zukunftshoffnungen

Die gestaltete Mitte mit [Ge]Denksteinen

[von: Sabine Arend,
Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück]

Die Schülerinnen aus Templin, die sich mit solcher Ernsthaftigkeit und persönlichen Be-troffenheit mit dem Schicksal von Erna Brzezinski und mit der Thematik „Gedenken“ auseinandergesetzt haben, sowie ein Gruppe junger Menschen, die sich gegenwärtig mit der Neugestaltung eines Gedenkortes für das KZ-Außenlager Grüneberg befassen, haben in mir eine starke Hoffnung ausgelöst – entgegen der politischen Tendenzen, wie sie sich gegenwärtig darstellen: Gedenken ist ein Zukunftsthema bzw. ein Thema, das Zukunft ermöglicht und dafür gibt es ein Bewusstsein, auch in der neuen Generation. „Und siehe: Morgen war alles gut.“ – nach den Begegnungen und Erlebnissen vom 14. April in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück erscheint mir diese Möglichkeit als gar nicht so fern.