Bibelarbeit zu Genesis 1,1 bis 2,1-3

von Ulrike Koertge

Das Buch Genesis handelt von Anfängen in vielfältiger Form und beginnt mit dem Wort „bereschit“ – „durch einen Anfang“. In Kapitel 1 wird der Anfang des Kosmos beschrieben. Die Adressat*innen des Genesisbuches fühlten sich den Urgewalten der Natur ausgeliefert. Diese werden am Anfang der Schöpfungsgeschichte benannt: „tohuwabohu“ – „Wüste, Leere, Chaos, Urflut, Nacht, Finsternis“ [Vers 2].

Der gesamte Schöpfungsbericht ist durchzogen von Unterscheidungen und Trennung. In den Versen 3-5 wird die Trennung von Licht und Finsternis beschrieben und damit der Tag als erste Zeiteinheit geschaffen. Dies impliziert einen Vorrang der Zeiteinteilung vor der Raumeinteilung. In dem vorfindlichen Chaos schafft Gott einen wohlgeordneten Kosmos und Rhythmus, der dem Leben dient und Menschen einen Weg aus Willkür und Ohnmachtserfahrung weist. Die Zeit ist eine wesentlich weibliche Logik, die Prozesse, Wachsen und Gedeihen, Hüten und Pflegen umfängt. Männlich dominiertes Verhalten hingegen orientiert sich tendenziell eher in der räumlichen Dimension: Eroberung, Besetzung, Abgrenzung, Dominanz und Herrschen. Dem Raum Vorrang geben legt ein Verständnis nahe, wonach die Räume der Macht und der Selbstbestätigung in Besitz genommen zu sein scheinen. Hingegen heißt der Zeit Vorrang zu geben, sich damit zu befassen, Prozesse in Gang zu setzen und deren Entfaltung zu begleiten. Dem entspricht, dass beim ersten Auftritt Gottes in der Bibel ein grammatikalisch weibliches Wort verwendet wird: „ruach“ – „Kraft, Atem, Geist“.

Die folgenden Tage dienen der Strukturierung des weiteren Schöpfungsprozesses. Am zweiten Tag [Verse 6-8] erfolgt die Trennung der Wasser durch ein horizontal gedachtes Gewölbe, wobei dieses die Bezeichnung „Himmel“ erhält. Am dritten Tag [Verse 9-13] erhalten in Folge der Sammlung des vorhandenen Wassers Erde und Meer ihren Ort, und die Entstehung von unterschiedlichen Pflanzen wird ausführlich beschrieben. Der vierte Tag [Verse 14-19] ist der Entstehung der Gestirne gewidmet, die als Maß für Festzeiten und für Beleuchtungszwecke dienen. Ein deutlich polemisches Element ist damit verbunden: Wurden in der Umwelt Israels die Himmelsgestirne Sonne und Mond als Gottheiten verehrt, sind sie hier geradezu degradiert zu am Himmelsgewölbe fixierten Beleuchtungs-körpern.

Der fünfte Tag [Verse 20-23] beschreibt die Kreation von Tieren, die im Wasser und in der Luft beheimatet sind. Die Tiere werden gesegnet und erhalten den Auftrag, sich zu vermehren. Am sechsten Tag [Verse 24–31] erfolgt die Erschaffung der auf der Erde lebenden Tiere und der Menschen. Bemerkenswert in Vers 26 sind sowohl die erklärte Absicht Gottes, Menschen erschaffen zu wollen, als auch die Pluralform: „Wir wollen Menschen machen – als unser Bild, etwa in unserer Gestalt“. Gott im Plural – beispielsweise auch im Gottesnamen „Elohim“ angelegt – bedeutet, dass in „ihnen“ bereits Vielfalt und Verschiedenheit angelegt ist.

Religionsgeschichtliche Parallelen, wie z.B. die Mythen Babyloniens und Ägyptens, kennen ebenfalls den Gedanken der Gottebenbildlichkeit. Allerdings mit dem bedeutenden Unterschied, dass es dort jeweils nur ein einziges göttliches Bild gibt: das des Königs bzw. in Einzelfällen auch der Königin bzw. Pharaonin. Der König ist Bild einer Gottheit nicht im Sinne äußerer Ähnlichkeit, sondern als Repräsentant ihrer Herrschaft auf Erden, um eine heilsame und friedliche Herrschaft auszuüben. So spricht der Gott Amun zum Pharao: „Du bist mein geliebter Sohn […], mein Abbild, das ich auf Erden gestellt habe, in Frieden lasse ich dich das Land regieren.“ Hingegen bleibt in Genesis 1 diese Beauftragung nicht an den Herrscher gekoppelt, sondern gilt allen Menschen – Männern und Frauen. Indem allen Menschen Gottebenbildlichkeit gleichermaßen zukommt, wird Hierarchisierung aufgelöst. Dem gängigen Schema von Herrschenden und Untergebenen erteilt die Schöpfungsgeschichte eine entschiedene Absage und befürwortet Demokratisierung und Partizipation. Was für gesellschaftliche Hierarchien gilt, gilt auch für das Geschlechterverhältnis: in Vers 27 wird die Erschaffung der Menschen „als göttliches Bild, als Bild Gottes, […] männlich und weiblich“ beschrieben, ein weiterer Hinweis auf Gottes Pluralität, die zugleich Differenz in sich trägt: Menschen sind in Verschiedenheit als Gottes Ebenbild geschaffen. Frauen und Männer sind gleichberechtigt und in ihrer Verschiedenheit aufeinander bezogen. Daraus folgt: Verschiedenheit ist gottgewollt, ebenso der Umgang mit der bleibenden Andersheit des/der Anderen. Zugleich verweist die Verschiedenheit der Geschlechter paradigmatisch auf unzählige weitere Verschiedenheiten innerhalb der alltäglichen Realität und ist sich der damit verbundenen Herausforderungen bewusst, denn zweifelsohne birgt Pluralität ein nicht unerhebliches Konfliktpotential in sich.

Eine weitere Schlussfolgerung schließt sich an: Es gibt keine idealtypische Gottebenbildlichkeit. Niemand ist „mehr“ gottebenbildlich als andere. Menschen mit Erkrankungen oder Behinderungen, alte oder junge Menschen – sie sind gleichermaßen gottebenbildlich. Dieser Gedankengang bleibt nicht ohne Auswirkungen auf das Gottesbild, denn damit wird das Bild eines starken, perfekten und autarken Gottes massiv in Frage gestellt – ähnlich wie im Passionsgeschehen und in zahlreichen weiteren biblischen Texten, wie z.B. in 1. Kor 12, wo die unterschiedlichen Begabungen geschildert werden; oder in Gal 3,28, ein Text, der vermutlich eine frühchristliche Taufformel beinhaltet. Die Anerkennung des/der andersbleibenden Anderen ist eine unmissverständliche Gegenbewegung zu Exklusion. Für Theologie bedeutet dies: Sie muss immer im Angesicht des/der Anderen formuliert werden.

Wirkungsgeschichtlich von höchster Bedeutung ist Vers 28: Nachdem Gott die Menschen gesegnet und ihnen – ebenso wie den Meerestieren und Vögeln in Vers 22 – den Auftrag zur Vermehrung gegeben hat, fordert er sie auf: „Bemächtigt euch (der Erde und) zwingt nieder die Fische des Meeres, die Vögel des Himmels und alle Tiere, die auf der Erde kriechen“. Jenes scheinbar per biblischem Auftrag gesetzte göttliche Mandat zur Herrschaft über Erde und Tiere hatte erhebliche Auswirkungen: Den Tieren wurde in Folge davon die Teilhabe an der Schöpfung abgesprochen, und sie galten nicht mehr als Mitgenossen der Schöpfung; Gewalt gegen Tiere fand damit eine Legitimation, ebenso die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und der Fleischgenuss. Die Übersetzung der entsprechenden Begriffe in der BigS scheint das „Dominium terrae“ noch zu verstärken: Der Begriff „kabasch“ – „bemächtigt euch der Erde“ ist mit Gewaltpotential behaftet. In Esther 7,8 wird mit „kabasch“ die versuchte Vergewaltigung einer Frau bezeichnet. „Radah“ – „zwingt nieder“ der Tiere bezeichnet eine Herrschaft, die nicht im Sinne einer beschützenden oder bewahrenden Gewalt interpretiert werden kann, sondern ebenfalls ein Moment der Willkür [gegen den Willen dessen, der sich dem Herrschenden unterordnen muss] und tatsächlichen Gewalt aufweist.

Der Blick auf den Kontext erschließt jedoch, dass die Herrschaft über Tiere und Natur nicht die Tötung von Tieren zur Nahrung mit einschließt [Vers 29].

Eine mögliche Erklärung für die drastische Ausdrucksweise ergibt sich aus der hier vorliegenden Beschreibung des Vorgangs der Kulturwerdung und Domestizierung: Die für jede menschliche Kultur notwendigen Handgriffe und Aufgaben zur Domestizierung von Natur und Tieren werden hier abgebildet und mit drastischen Begriffen belegt. Um ein Schaf zu scheren, ein Pferd zuzureiten, den Acker mithilfe von Ochsen zu pflügen, eine Kuh zu melken, ist Gewalt notwendig. Es existieren auch ägyptische Reliefs, auf denen Kühe große Tränen weinen, weil ihre Milch nicht ihren Kälbern zugutekommt, sondern diese von Menschen gemolken wird. Auch die Ausbeutung der Erde durch Ackerbau [pflügen] und Bergbau [Stollen in das Erdreich graben] ist mit einem Gewaltpotential behaftet. Und doch ist nur so das Leben von Menschen in kultureller Form möglich. Also ist es durchaus denkbar, dass die beiden mit Gewaltpotential behafteten Begriffe „kabasch“ und „radah“ eine Reminiszenz daran sind.

Trotz der sehr realen Beschreibung der Kulturwerdung mithilfe des entsprechenden Vokabulars wird hier die tötende Gewalt gegen Tiere nicht göttlich legitimiert. [Erst Gen 9, 3f erlaubt die Tötung von Tieren – ausschließlich zum Zweck der Nahrung.] Im Gegenteil: erzählt wird in Vers 30 das Bild einer großen Tischgemeinschaft von Mensch und Tier.

Bestand das Resümee Gottes nach Erschaffung der täglichen Schöpfungswerke jeweils im Prädikat „gut“, so wird in Vers 31 im Hinblick auf alles Geschaffene am Ende des sechsten Schöpfungstages das Prädikat „sehr gut“ verliehen. Denn: Gewalt war noch nicht vorhanden. Seine negative Entsprechung hat die positive Wertung erst nach Einzug der Gewalt [Gen 2: Griff nach der verbotenen Frucht; Gen 4: Kain und Abel; Gen 6,11: „Die Erde war voll von Gewalttat“] in Gen 6,12: „Da sah Gott die Erde an, und siehe sie war verdorben“.

Das Schöpfungsgeschehen findet seinen Höhepunkt und Abschluss in der Heiligung der Zeit am Sabbat [Gen 2,1-3]. Geboten wird eine Ruhepause für ALLE: Tiere und Menschen, Sklav*innen und Fremde. Alle Hierarchien werden temporär ausgesetzt zur Erinnerung an das, was Gott ursprünglich beabsichtigte. Der siebte Tag der Wertschätzung ist die Krone der Schöpfung – und nicht, wie vielfach angenommen, der Mensch. Der siebte Tag ist der Tag des Wunderns und Staunens, der Tag der Unterbrechung und der Würdigung.

Zum Abschluss ein Ausschnitt aus einem Text von Dorothee Sölle:

Zwischen

Wegschaffen und Vorplanen

sollst du dich erinnern

an den ersten Schöpfungsmorgen,

deinen und aller Anfang

als die Sonne aufging

ohne Zweck

und du nicht berechnet wurdest

in der Zeit,

die niemandem gehört

außer dem Ewigen.


Dorothee Sölle: „Das 3. Gebot – Du sollst dich selbst unterbrechen.“


Quellen:

Übersetzung nach der Bibel in gerechter Sprache, Gütersloh 2006

Verwendete Literatur:

  • Frank Crüsemann, Bemächtigt euch der Erde – Bibelarbeit zu Genesis 1, in: EFiD (Hg.), „Arbeitshilfe zum Weitergeben“.
  • Frank Crüsemann und Jürgen Ebach, Einleitung zum Buch Genesis, in: Bibel in gerechter Sprache, 2006, S. 30.
  • Ute Dilger, Schöpfung ökologisch lesen, in: Weltgebetstagsheft 2018 – Surinam.
  • Irene Tokarski, Es war gut, es war sehr gut – Bibelarbeit zu Genesis 1,1 – 2,3, in: Weltgebetstagsheft 2018 – Surinam.
  • Claus Westermann, Biblischer Kommentar zu Genesis, Kapitel 1 – 3, Neukirchen-Vluyn, 1999.
  • Aufsatz: Eine theologische Spurensuche zur Inklusion, in: Da kann ja jede(r) kommen – Inklusion und kirchliche Praxis. Eine Orientierungshilfe der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Anlass:

Frauendelegiertenkonferenz der Nordkirche zum Jahresthema, 09.-11.03.2018, Christophorushaus, Bäk.