Andacht am Sonntag Judika

„Schaffe mir Recht!“ – Die Krise als Chance für einen Perpektivwechsel?

von Irene Pabst und Waltraud Waidelich, Frauenwerk der Nordkirche


Hier die Andacht zum Nachhören:

„Schaffe mir Recht!“ – Andacht von Waltraud Waidelich und Irene Pabst [liest]

Liebe Leser*innen, wir grüßen Sie und Euch aus dem Frauenwerk der Nordkirche in Ihre/ Eure Wohnzimmer und Küchen, allein oder mit Familienangehörigen. Heute ist der fünfte Sonntag in der Passionszeit, Judika. Judika bedeutet: Schaffe mir Recht. Das lenkt unseren Blick auf die Zusammenhänge von Welthandel und Gerechtigkeit.

Unsere Selbstverständlichkeiten – aufgelöst in „Corona“

Als das vom Zentrum für Mission und Ökumene herausgegebene Materialheft für diesen Sonntag geplant wurde, hätte sich keine* aus der Planungsgruppe vorstellen können, dass am 29. März 2020 Kirchen geschlossen sein würden, die Wirtschaft still stehen, der Welthandel ausgebremst, Lieferketten unterbrochen und Grenzen geschlossen sein würden. Unsere Selbstverständlichkeiten, alles ist immer und zu jeder Zeit verfügbar da und wird von einem Heer der Fleißigen in Asien, Afrika, Lateinamerika zu Niedriglöhnen gefertigt, haben sich in „Corona“ aufgelöst. In den vom Kleidungsüberfluss prall gefüllten Mode-Stores der Innenstädte gibt es keine Atemschutzmasken, keine Schutzkleidung. Sie sind jetzt still und dunkel. Die sozialen und ökologischen Ungerechtigkeiten der globalen Lieferketten, die Emma Eder in ihrem Poetry Slam beschreibt, sind unterbrochen: „Hier ist schoppen für mich eine Therapie – dort löst sie ein Trauma aus. Hier klingt es wie eine schöne Melodie und dort halten sie’s vor Lärm kaum aus. Hier ist Tag und da ist Nacht, dort wird geweint, hier wird gelacht…“

Die Verletzlichkeit unserer Wirtschafts- und Lebensweise

Die unfreiwillige Unterbrechung des business as usual kann eine Chance für uns sein, unsere Aufmerksamkeit genau dahin zu lenken: Auf Machtstrukturen, die verhindern, dass faire und existenzsichernde Löhne gezahlt werden, weil globale Konzerne die niedrigeren sozialen und ökologischen Standards woanders nutzen. Die westlichen Konsument*innen sind Co-Profiteur*innen. Das Virus konfrontiert uns in brutaler Weise mit der Verletzlichkeit unserer Wirtschafts- und Lebensweise. Nicht nur die anderen, die Näherinnen in den Fabriken sind die Verliererinnen des globalen Spiels – ohne Aufträge der Modeindustrie bleiben sie ohne Arbeit. Dieses Mal trifft die Globalisierung auch uns – mit einem Virus und all den unabsehbaren Folgen für Arbeiter*innen, Betriebe und Selbstständige trotz der Rettungspakete, die uns schützen sollen.

Die Krise als Chance für einen Perspektivwechsel?

Es fühlt sich seltsam an, dass wir auf einmal selbst negativ von der Globalisierung betroffen sind und nicht immer nur die anderen. Der Spieß dreht sich plötzlich um – wir sind abhängig von Medikamenten aus Ländern, die wir ausgebeutet haben und ohne die dort produzierten Teile steht die Industrie hier still. Die Erfahrung von Verletzlichkeit betrifft nun auch uns selbst. Wird diese Erfahrung dazu führen, dass wir erkennen, was wirklich wichtig ist? Dass wir den Klimawandel endlich ernst nehmen und unser Wirtschafts- und Gesellschaftsystem so umbauen, dass die Ausbeutung von Erde und Menschen ein Ende hat? Dass wir gemeinschaftlicher leben und wirtschaften, im Einklang mit der Natur und den Anderen, wie es uns aufgetragen ist? Wir spüren jetzt vielleicht so stark wie nie, wie sehr wir miteinander in einem weltweiten Wirtschaftsnetz verbunden sind und dass es nicht auf Dauer funktionieren kann, dass es den Einen auf Kosten der Anderen gut geht. Das ist unsere Chance für einen Perspektivwechsel. Von diesem Perspektivwechsel sprechen Wissenschaftler wie Prof. Dr. Niko Paech. Wir müssen unsere Lebens- und Konsumgewohnheiten verändern, wenn wir unsere Lebensgrundlage für künftige Generationen erhalten und globale Gerechtigkeit erreichen wollen.

Isabella Gabriel Niang, Zeigender [Ausschnitt], Kohle auf Papier, 2006

Die Perspektive Gottes

Wichtig ist, dass nicht nur unsere individuelle Verantwortung beim Einkaufen, Reisen usw. gefragt ist, sondern dass auch Unternehmen, Kirchen, Institutionen in der Verantwortung sind, ebenso wie die Politik, die Regeln für fairen Handel schaffen kann, z.B. mit einem Lieferkettengesetz. Auf allen Ebenen agieren letztlich Individuen, die Veränderung bewirken können. Daran erinnert die Theologin Prof. Dr. Helga Kuhlmann. Diesen Perspektivwechsel finden wir auch in der Bibel. Der reiche Jüngling schafft es nicht, aus seinem alten Leben auszubrechen, obwohl er das von Herzen will. Seine Berufung in die Jesus-Bewegung, die eine gerechte Gesellschaft will, scheitert. Geht es uns nicht manchmal wie diesem Jüngling, weil wir in Lähmung und Ohnmacht zu fallen drohen angesichts der globalen Probleme? Doch Jesus sieht hier nicht das Ende der Geschichte. Er schafft einen Perspektivwechsel, indem er auf die Perspektive Gottes verweist. Es ist zwar leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt, aber es gilt auch, dass bei Gott alle Dinge möglich sind. „Gott macht Geschichte, indem er Menschen in Bewegung setzt“, sagt die Theologin Klara Butting, so wie eine handvoll Frauen und Männer, die damals Jesus nachfolgten. Die neue Zeit ist schon da, blitzt schon auf in dem, was jetzt ist. Auch wir können uns heute von der Vision von Gerechtigkeit für alle Menschen und für die Natur in Bewegung setzen lassen. Die Transformation beginnt mit uns und jetzt. Die Zeit nach „Corona“ muss nicht so werden wie die Zeit davor.

Hier gibt’s mehr zum Thema:

Die Website: sonntag-judika.de

Das vollständige Materialheft zum Judika-Sonntag: „Auf dem Weg – Gerechtigkeit und Welthandel“ [hg. vom Zentrum für Mission und Ökumene der Nordkirche]

Und den ganzen Gottesdienst zum Mitfeiern: YouTube-Channel der Nordkirche