Andacht am Karfreitag

Das Kreuz gemeinsam tragen

Von Katja Hose, Frauenwerk der Nordkirche


Hier die Andacht zum Nachhören:

„Das Kreuz gemeinsam tragen“ – Andacht von Katja Hose

Das Muster durchbrechen

Katja Hose

Der Fünfjährige hält die Figur behutsam in seiner Hand und spricht beruhigende Worte. Dieser Moment strahlt Trost aus. Ich bin berührt von dem Einfühlungsvermögen des Jungen. Das ist schon ein paar Jahre her. Nach einer Kinderkirche in der Kita stand er vor mir.

Wenn Menschen einsam, krank, traurig, voller Sorge sind, dann hilft Zuwendung. In diesen Tagen bewegt mich schmerzlich: Die Menschen, die direkte tröstende Nähe benötigen, können sie nicht in der notwendigen Intensität bekommen. Angehörige haben in Pflegeheimen, Krankenhäusern und Hospizen Besuchsverbot. Der Abschied von Verstorbenen findet in Kurzform statt. Woher erfahren Menschen Kraft, die Unglaubliches unter schwierigen Bedingungen leisten? Oder die mit einem Mal ihre wirtschaftliche Existenz verlieren? Die Hand auf der Schulter, die Umarmung sind jetzt keine passende Antwort. Das Virus SARS-CoV-2 greift nicht nur die Lunge an, sondern trifft uns in unseren menschlichen Grundbedürfnissen – und das weltweit!

Der Junge in der Kita damals zeigt Mut. Er nimmt seine eigenen Gefühle ernst und drückt sie aus. Er lässt sich berühren und handelt empathisch. Die kleine Figur in seiner Hand hatte kurz zuvor in der Kinderkirche eine wichtige Rolle gespielt. Das war Jesus, der nach Jerusalem zog, gefangengenommen, gekreuzigt, begraben wurde und auferstand. Jetzt tröstet der Junge Jesus und spricht ihm Mut zu – sein Gottes-Dienst! Er schlüpft nicht in die Rolle des starken Helden mit dem Laser-Schwert. Stereotype Rollenmuster können auch in der Kita ziemlich hartnäckig wirken. Dieser Junge durchbricht das Muster. Er wird stark, indem er sich berühren lässt.

Mut wächst aus dem Kreuz

Heute schaue ich auf das Bild des Gekreuzigten, so wie Christ*innen es seit fast 2000 Jahren tun. Ich sehe das Gesicht eines leidenden, sterbenden Menschen. Es durchkreuzt das Klischee vom unverwundbaren Helden. Dieses Haupt voll Blut und Wunden symbolisiert, wie grundlegend verletzlich menschliches Leben vom Mutterleib an bis zum letzten Atemzug ist.

Aber nicht nur das, es führt mich auch ins Nachdenken über meine Gottesvorstellung. In den Gefahren der weltweiten Krise wünsche ich mir, Gottes Schutzmacht fühlen zu können. Und zugleich verändert sich mein Gottesbild durch das Kreuz. In Jesus Christus zeigt Gott sich leidensfähig, verwundbar und meiner Zuwendung bedürftig, eben menschlich. Die Theologie hat immer versucht, die Menschlichkeit und die Göttlichkeit Christi zu unterscheiden. Ich kann und will das nicht. Genau dadurch, dass Gott sich in Christus verwundbar macht und ohne jede Lebensversicherung auf das Menschsein bis ins Sterben hinein einlässt, zeigt sich mir das Göttliche. Es begegnet mir mitten im Menschlichen.

Ich schaue auf das Bild Gottes am Kreuz und frage mich: Wie genau wächst daraus Mut? Menschen haben das Mit-Leid der Ewigen darin entdeckt und sich in ihrer eigenen Not nicht mehr ganz so verlassen gefühlt. Manche haben sich – wie der Junge in der Kita – vom Leiden Christi so berühren lassen, dass ihr Mut dadurch gewachsen ist – der Mut, empathisch, solidarisch und fürsorglich zu handeln, mit gesellschaftspolitischen Folgen!

Vom Wachsen der Saat

Manche künstlerische Gestaltung des Kreuzes macht eine weitere ermutigende Gottesvorstellung sichtbar. Zwischen der Todesnachricht des Karfreitags und der Auferstehungsbotschaft des Ostermorgens wirkt eine unsichtbare, unfassbare Kraft. Jesus selber erzählt zuvor in Gleichnissen und Bildworten von ihr: Die Saat wird in die Erde gelegt. Im Verborgenen beginnt sie zu keimen und wächst von selbst. Die Person, die sie gesät hat, weiß nicht wie – es geschieht!  So berichtet Jesus im Markusevangelium (Mk 4,26-29) vom Wachsen der Kraft Gottes mitten in der Welt. Nach dem Johannesevangelium erzählt Jesus von dem Weizenkorn, das in der Erde sterben muss, damit es nicht allein bleibt, sondern vielfältige Frucht bringt. Wie in der Saat, die unter der Erde stirbt und zugleich keimt, so wird Gottes Kraft in Tod und Auferstehung wirksam.

Karfreitag
[ehemaliges Kloster Heggbach;
Andreas Praefcke]

Manche Kreuzesdarstellungen zeigen das eindrücklich. Da wachsen Zweige, Blätter und Früchte aus dem Stamm des Kreuzes. So verwandelt es sich in eine Art Lebensbaum. Und wenn in den Evangelien von Jesu Leiden, seinem Sterben und seiner Auferstehung erzählt wird, blüht nicht etwa die menschliche Phantasie. Da blüht die Erfahrung der Kraft Gottes, die Mut wachsen lässt! Die Blumen am Ende der Kreuzesbalken mit den vier verschiedenen Symbolen der Evangelien zeigen es deutlich.

Das Kreuz gemeinsam tragen

Wie wächst aus dem Leiden und Sterben Jesu für uns heute Mut? Ich betrachte das Kreuz. Es bewegt mich, meine Vorstellungen von Gott zu überdenken. Und ich begreife: Wie beim Wachsen der Saat muss ich geduldig warten, bis ich Mut spüre. Von der Vorstellung des verwundbaren Gottes geht eine verborgene Kraft aus. Sie wächst überraschend empor – so wie damals in der Kita, als der kleine Junge Jesus tröstet. Mit dieser Kraft bleibe ich nicht allein. Sie verbindet gerade in diesen Tagen sehr viele Menschen weltweit. Die Saat, in der sich der Tod zum Leben verwandelt, ist schon gelegt. Gottes Kraft begegnet mitten im Menschlichen, mitten in diesem „Corona-Alltag“. Als ich während einer Home-Office-Pause in der Frühlingssonne die Straße entlang spaziere, fliegt direkt vor mir eine Haustür auf. Ein kleines Mädchen im sommerlichen T-Shirt springt heraus. Begeistert streckt es die Arme der Sonne entgegen und ruft: „Ist es nicht herrlich!“ Diese befreiende Lebenskraft berührt mich unmittelbar. Mut wächst, wo Gottes Kraft wirkt und alle gemeinsam das Kreuz tragen.