Wo Mut wächst…

Ausgabe Drei

Von Franziska Pätzold, Frauenwerk der Nordkirche


Genau vor einer Woche, am Abend des Gründonnerstag, feierten viele Menschen ein Tischabendmahl oder Agapemahl. Sie gedachten so an Jesu letztes Mahl mit seinen Jünger*innen. In diesem Jahr feierten sie aber, anders als sonst, nicht in Kirchen oder Gemeindehäusern in großer Gemeinschaft, sondern – Corona-bedingt – in den eigenen vier Wänden. Sie taten das allein, in ihrer Hausgemeinschaft, virtuell verbunden mit Freund*innen oder Familienangehörigen. Und viele in der Nordkirche folgten dabei der Einladung des Frauenwerks, dies nicht nur verbunden im Gedenken und im Gebet zu tun, sondern auch in zeitlicher Verbundenheit: um 19 Uhr mit einer kleinen gemeinsamen Liturgie. 1 Und manche haben uns von ihren gedeckten Tischen ein Foto geschickt! Herzlichen Dank dafür! #WoMutWächst

Agapemahl bei Franziska in der Nähe von Rostock
Agapemahl bei Janine in Kiel

An diesem Tisch werde ich in besonderer Weise zu Abend essen. Ich erinnere mich an die letzte Mahlzeit, die Jesus zusammen mit seinen Jünger*innen hielt. Du, Gott, bist meine Mitte und mein Grund. Es ist gut, bei Dir zu verweilen. Vor mir liegen die Tage, in denen ich an Jesu Abschied von diesem Leben erinnere. Öffne mich, stärke mich, erfülle mich mit Deinem Geist. Amen.

Aus „Kleine Hausliturgien zum (Oster-) Sonntag und Gründonnerstag
Agapemahl bei Katja, ebenfalls in Kiel
Agapemahl bei Martina in Pasewalk
  1. „Kleine Hausliturgien. Agapemahlfeier am Gründonnerstag“, Beitrag vom 7. April 2020

Andacht am Karfreitag

Das Kreuz gemeinsam tragen

Von Katja Hose, Frauenwerk der Nordkirche


Hier die Andacht zum Nachhören:

„Das Kreuz gemeinsam tragen“ – Andacht von Katja Hose

Das Muster durchbrechen

Katja Hose

Der Fünfjährige hält die Figur behutsam in seiner Hand und spricht beruhigende Worte. Dieser Moment strahlt Trost aus. Ich bin berührt von dem Einfühlungsvermögen des Jungen. Das ist schon ein paar Jahre her. Nach einer Kinderkirche in der Kita stand er vor mir.

Wenn Menschen einsam, krank, traurig, voller Sorge sind, dann hilft Zuwendung. In diesen Tagen bewegt mich schmerzlich: Die Menschen, die direkte tröstende Nähe benötigen, können sie nicht in der notwendigen Intensität bekommen. Angehörige haben in Pflegeheimen, Krankenhäusern und Hospizen Besuchsverbot. Der Abschied von Verstorbenen findet in Kurzform statt. Woher erfahren Menschen Kraft, die Unglaubliches unter schwierigen Bedingungen leisten? Oder die mit einem Mal ihre wirtschaftliche Existenz verlieren? Die Hand auf der Schulter, die Umarmung sind jetzt keine passende Antwort. Das Virus SARS-CoV-2 greift nicht nur die Lunge an, sondern trifft uns in unseren menschlichen Grundbedürfnissen – und das weltweit!

Der Junge in der Kita damals zeigt Mut. Er nimmt seine eigenen Gefühle ernst und drückt sie aus. Er lässt sich berühren und handelt empathisch. Die kleine Figur in seiner Hand hatte kurz zuvor in der Kinderkirche eine wichtige Rolle gespielt. Das war Jesus, der nach Jerusalem zog, gefangengenommen, gekreuzigt, begraben wurde und auferstand. Jetzt tröstet der Junge Jesus und spricht ihm Mut zu – sein Gottes-Dienst! Er schlüpft nicht in die Rolle des starken Helden mit dem Laser-Schwert. Stereotype Rollenmuster können auch in der Kita ziemlich hartnäckig wirken. Dieser Junge durchbricht das Muster. Er wird stark, indem er sich berühren lässt.

Mut wächst aus dem Kreuz

Heute schaue ich auf das Bild des Gekreuzigten, so wie Christ*innen es seit fast 2000 Jahren tun. Ich sehe das Gesicht eines leidenden, sterbenden Menschen. Es durchkreuzt das Klischee vom unverwundbaren Helden. Dieses Haupt voll Blut und Wunden symbolisiert, wie grundlegend verletzlich menschliches Leben vom Mutterleib an bis zum letzten Atemzug ist.

Aber nicht nur das, es führt mich auch ins Nachdenken über meine Gottesvorstellung. In den Gefahren der weltweiten Krise wünsche ich mir, Gottes Schutzmacht fühlen zu können. Und zugleich verändert sich mein Gottesbild durch das Kreuz. In Jesus Christus zeigt Gott sich leidensfähig, verwundbar und meiner Zuwendung bedürftig, eben menschlich. Die Theologie hat immer versucht, die Menschlichkeit und die Göttlichkeit Christi zu unterscheiden. Ich kann und will das nicht. Genau dadurch, dass Gott sich in Christus verwundbar macht und ohne jede Lebensversicherung auf das Menschsein bis ins Sterben hinein einlässt, zeigt sich mir das Göttliche. Es begegnet mir mitten im Menschlichen.

Ich schaue auf das Bild Gottes am Kreuz und frage mich: Wie genau wächst daraus Mut? Menschen haben das Mit-Leid der Ewigen darin entdeckt und sich in ihrer eigenen Not nicht mehr ganz so verlassen gefühlt. Manche haben sich – wie der Junge in der Kita – vom Leiden Christi so berühren lassen, dass ihr Mut dadurch gewachsen ist – der Mut, empathisch, solidarisch und fürsorglich zu handeln, mit gesellschaftspolitischen Folgen!

Vom Wachsen der Saat

Manche künstlerische Gestaltung des Kreuzes macht eine weitere ermutigende Gottesvorstellung sichtbar. Zwischen der Todesnachricht des Karfreitags und der Auferstehungsbotschaft des Ostermorgens wirkt eine unsichtbare, unfassbare Kraft. Jesus selber erzählt zuvor in Gleichnissen und Bildworten von ihr: Die Saat wird in die Erde gelegt. Im Verborgenen beginnt sie zu keimen und wächst von selbst. Die Person, die sie gesät hat, weiß nicht wie – es geschieht!  So berichtet Jesus im Markusevangelium (Mk 4,26-29) vom Wachsen der Kraft Gottes mitten in der Welt. Nach dem Johannesevangelium erzählt Jesus von dem Weizenkorn, das in der Erde sterben muss, damit es nicht allein bleibt, sondern vielfältige Frucht bringt. Wie in der Saat, die unter der Erde stirbt und zugleich keimt, so wird Gottes Kraft in Tod und Auferstehung wirksam.

Karfreitag
[ehemaliges Kloster Heggbach;
Andreas Praefcke]

Manche Kreuzesdarstellungen zeigen das eindrücklich. Da wachsen Zweige, Blätter und Früchte aus dem Stamm des Kreuzes. So verwandelt es sich in eine Art Lebensbaum. Und wenn in den Evangelien von Jesu Leiden, seinem Sterben und seiner Auferstehung erzählt wird, blüht nicht etwa die menschliche Phantasie. Da blüht die Erfahrung der Kraft Gottes, die Mut wachsen lässt! Die Blumen am Ende der Kreuzesbalken mit den vier verschiedenen Symbolen der Evangelien zeigen es deutlich.

Das Kreuz gemeinsam tragen

Wie wächst aus dem Leiden und Sterben Jesu für uns heute Mut? Ich betrachte das Kreuz. Es bewegt mich, meine Vorstellungen von Gott zu überdenken. Und ich begreife: Wie beim Wachsen der Saat muss ich geduldig warten, bis ich Mut spüre. Von der Vorstellung des verwundbaren Gottes geht eine verborgene Kraft aus. Sie wächst überraschend empor – so wie damals in der Kita, als der kleine Junge Jesus tröstet. Mit dieser Kraft bleibe ich nicht allein. Sie verbindet gerade in diesen Tagen sehr viele Menschen weltweit. Die Saat, in der sich der Tod zum Leben verwandelt, ist schon gelegt. Gottes Kraft begegnet mitten im Menschlichen, mitten in diesem „Corona-Alltag“. Als ich während einer Home-Office-Pause in der Frühlingssonne die Straße entlang spaziere, fliegt direkt vor mir eine Haustür auf. Ein kleines Mädchen im sommerlichen T-Shirt springt heraus. Begeistert streckt es die Arme der Sonne entgegen und ruft: „Ist es nicht herrlich!“ Diese befreiende Lebenskraft berührt mich unmittelbar. Mut wächst, wo Gottes Kraft wirkt und alle gemeinsam das Kreuz tragen.

Kleine Hausliturgien

Agapemahlfeier für Gründonnerstag und (Oster-) Sonntag

bearbeitet Von Katja Hose und Franziska Pätzold, Frauenwerk der Nordkirche


Brot und Wein
[by Juan Pineda via Pixabay]

Für alle, denen in diesem Jahr die Feier des Tischabendmahls, des Agapemahls o.ä. in ihrer Gemeinde fehlt und für alle, die es einfach mal ausprobieren möchten: Unten auf dieser Seite gibt es als Download eine kleine Liturgie für den „Hausgebrauch“ – eine Agapefeier im Miniformat. Sie kann allein, in der Familie, digital verbunden mit Freund*innen oder einfach als Teil der weltweiten Gemeinschaft der Christ*innen gefeiert werden, die am Abend des Gründonnerstag Jesu letztem Mahl im Kreise seiner Jünger*innen gedenkt.

Wir laden dazu ein, die kleine Hausliturgie am Gründonnerstag um 19 Uhr zu feiern [siehe unten Ablauf 2]. So stellt sich über die geistliche und gedenkende Verbindung auch eine zeitliche ein – zu vielen Menschen in der Nordkirche und darüber hinaus. Wie so viele in dieser Zeit sehnen wir uns nach solcher Gemeinschaft und freuen uns, wenn ihr mit uns geistlich, zeitlich, digital verbunden, Brot und Wein teilt. Und: Wenn ihr mögt, lasst uns an eurer Feier teilhaben. Macht ein Foto von eurem, zum Agapemahl gedeckten Tisch und mailt es an oder teilt es mit uns via Twitter. Dort ist das Frauenwerk zu finden unter mut_waechst. Weitere Informationen dazu gibt es auch unten in den „Kleinen Hausliturgien“.

Behütet
[by Myriam Zilles; via Pixabay]

Wir wünschen euch eine gesegnete Karwoche und einen, vielleicht in diesem Jahr besonders bewussten und festlichen, behüteten Gründonnerstag!

Herzliche Grüße aus dem Frauenwerk der Nordkirche!


Und hier geht’s zum Download:

Fürbitten in der Karwoche

Lass neuen Mut wachsen!

Von Katja Hose, Frauenwerk der Nordkirche


„Das Furchtbarste an dem ganzen Übel aber war die Mutlosigkeit.“ Das schreibt der antike Autor Thukydides im 5. Jahrhundert vor Christus über eine Pest-Epidemie.1 Mut und Ermutigung wachsen heute in der Corona-Pandemie auf vielerlei Weise und wirken den eigenen Gefühlen von Unsicherheit und Angst, die sich unter der Oberfläche oder offensichtlich melden, entgegen. Etwas Hilfreiches und Sinnvolles tun zu können und kreativ zu werden im Widerstand gegen die Krise, stabilisiert uns.

Aber was kann ich tun, wenn ich nichts tun kann?

Beten geht (fast) immer. Es lässt Mut wachsen und verbindet Menschen unsichtbar auch über große Entfernungen hinweg. Weltweit ist Menschenleben in dieser Krise durcheinandergeschüttelt und bedroht. Alle Geschlechter, Altersgruppen und Nationen sind betroffen. Das ist uns bewusst. Wir denken besonders an die Frauen und laden Sie und euch ein, das folgende Gebet so zu erweitern und zu verändern, wie es für Sie und euch gut ist. Es sind sieben Bitten, so dass sich an jedem Tag der Woche eine ganz besonders zu Herzen nehmen lässt. Das Gebet kann unterstützt werden durch eine angezündete Kerze oder eine sich wiederholende Körperbewegung. Mut wächst zum Beispiel auch, wenn wir uns aus einer Verkrümmung in uns selbst aufrichten lassen und Gesicht, Arme und Hände ganz bewusst zum Himmel strecken.

by Decha Huayyai; [via pexels.com]

Montag

Du Frau, allein und einsam fühlst du dich. Du vermisst deine Liebsten, die Berührung der Hand, die Umarmung. Du sorgst dich um deinen Leib und deine Seele. Vielleicht sitzt du in deiner Wohnung, vielleicht liegst du in einem Pflegebett und weißt nicht, was noch kommen wird.

Du Frau, wir sind bei dir in unseren Gedanken und  beten:

Heilige Geistkraft, wir rufen dich an: Schenke Zuversicht und Kraft! Gib der Seele Schutz, stärke unsere Verbundenheit und unseren Kampf für Gerechtigkeit! Lass neuen Mut wachsen!

Dienstag

Du Frau, beherzt tust du deine Arbeit, machst, was jetzt dran ist – im Krankenhaus, in der Pflege, im Labor, an der Supermarktkasse, in der Abfallwirtschaft, in der Energieversorgung. Dein ganzes Wissen und Können setzt du für die Menschen ein, die dir anvertraut sind und gehst dafür bis an deine Grenze.

Du Frau, wir sind bei dir in unseren Gedanken und beten:

Heilige Geistkraft, wir rufen dich an: Schenke Zuversicht und Kraft! Gib der Seele Schutz, stärke unsere Verbundenheit und unseren Kampf für Gerechtigkeit! Lass neuen Mut wachsen!

Mittwoch

Du Frau, dein ganzer Alltag hat sich binnen weniger Tage umgekrempelt, Home-Office und Familienarbeit, ständig bist du gleichzeitig mehrfach gefordert. Deine mühevoll ausbalancierten Strukturen und Regeln geraten ins Wanken. Alte Konflikte, überwundene Rollenmuster und Selbstzweifel brechen sich Bahn. Ungeduld und Wut melden sich zu Wort.

Du Frau, wir sind bei dir in unseren Gedanken und beten:

Heilige Geistkraft, wir rufen dich an: Schenke Zuversicht und Kraft! Gib der Seele Schutz, stärke unsere Verbundenheit und unseren Kampf für Gerechtigkeit! Lass neuen Mut wachsen!

Donnerstag

Du Frau, deine Angst um deine wirtschaftliche Existenz greift nach dir: dein kleines Café in Paris geschlossen, aus der Textilfabrik in El Salvador entlassen, deine Auftritte im Berliner Club abgesagt, Kurzarbeit und kein Ende in Sicht. Du weißt nicht, wie du die Miete zahlen sollst und ob die Finanzspritzen dich wirklich erreichen werden.

Du Frau, wir sind bei dir in unseren Gedanken und beten:

Heilige Geistkraft, wir rufen dich an: Schenke Zuversicht und Kraft! Gib der Seele Schutz, stärke unsere Verbundenheit und unseren Kampf für Gerechtigkeit! Lass neuen Mut wachsen!

Freitag

Du Frau, Gefahr für Leib und Leben sind dir bekannt. Droht dir Gewalt dort, wo alle es am wenigsten erwarten, zu Hause in den eigenen vier Wänden, in der Partnerschaft? Oder hast du die Gewalt des Krieges erfahren, die dich auf die Flucht trieb? Gestrandet und ohne menschenwürdigen Schutz in einem überfüllten Lager. Zusammen mit deinen Kindern suchst du Hilfe und Perspektiven.

Du Frau, wir sind bei dir in unseren Gedanken und beten:

Heilige Geistkraft, wir rufen dich an: Schenke Zuversicht und Kraft! Gib der Seele Schutz, stärke unsere Verbundenheit und unseren Kampf für Gerechtigkeit! Lass neuen Mut wachsen!

Sonnabend

Du Frau, mutig hast du Verantwortung übernommen – in der Politik und Gesellschaft. Du willst klug handeln und Leben schützen, aber in dieser Zeit ist es so schwer zu entscheiden, was richtig und hilfreich ist. Die Angst zu versagen, treibt dich um. Wie kann Solidarität gestärkt und egoistisches Machtdenken entlarvt werden? Was dient dem Frieden? Das fragst du dich.

Du Frau, wir sind bei dir in unseren Gedanken und beten:

Heilige Geistkraft, wir rufen dich an: Schenke Zuversicht und Kraft! Gib der Seele Schutz, stärke unsere Verbundenheit und unseren Kampf für Gerechtigkeit! Lass neuen Mut wachsen!

Sonntag

Du Gott, verwundbar wie wir Menschen bist du geworden – als Kind in der Krippe als Leidender am Kreuz, bist dem Tod nicht ausgewichen, sondern konsequent den Weg der Liebe gegangen, hast die gekrümmte Frau aufgerichtet, den Aussätzigen geheilt, und schickst uns deine Geistkraft, damit wir den Mächten des Todes widerstehen.

Du Ewige, wir sind bei dir in unseren Gedanken und beten:

Heilige Geistkraft, wir rufen dich an: Schenke Zuversicht und Kraft! Gib der Seele Schutz, stärke unsere Verbundenheit und unseren Kampf für Gerechtigkeit! Lass neuen Mut wachsen!

Amen.

  1. In Klaus Bergdolt, „Die Pest“, München 2006, S.22