Andacht am Ostermontag

Euer Schmerz wird in Freude verwandelt

Von Christine Ziehe-Pfennigsdorf, Arbeit mit Frauen, Sprengel Mecklenburg/ Pommern


Hier die Andacht zum Nachhören:

„Euer Schmerz wird in Freude verwandelt“ – von Christine Ziehe-Pfennigsdorf

Was du nicht siehst

Christine Ziehe-Pfennigsdorf
[Foto: Daniel Vogel]

Ich sehe was, was du nicht siehst. Dieses Kinderspiel braucht nicht viel. Eine Idee und unsere Augen reichen. Aber können wir uns auf unsere Augen verlassen? Ist das, was wir sehen auch das, was wir finden sollen? Finden wir mit unseren Augen, was wir suchen? Und was genau ist es, was wir sehen sollen? Mit unserem Sehen ist das so eine Sache. Auch die Ostergeschichten erzählen vom Sehen und Nichtsehen.
Es sind zuerst Frauen, die am Sonntagmorgen zum Grab kommen und den, den sie suchen, nicht sehen. Sie sehen ein offenes Felsen-Grab. Der Leichnam Jesu ist nicht im Grab zu sehen.
Was sehen sie stattdessen? Das erzählen die Evangelien ähnlich. Sie sehen „Männer in blitzenden Kleidern“, „einen Engel in Kleidern weiß wie Schnee“, „eine jünglingshafte Gestalt, die ein strahlend helles Gewand trug“. Ihre Reaktion? Sie erschrecken, denn das, was sie sehen, haben sie nicht erwartet. Auch die Jünger erschrecken, als ihnen die Frauen davon erzählen.

Nach Emmaus

Der Evangelist Lukas erzählt eine weitere Geschichte. Sie gehört zu den Bibeltexten am Ostermontag. Zwei Jünger sind auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus. Zu zweit unterwegs – heute hören wir das ganz anders, sollen doch auch wir nur zu zweit draußen unterwegs sein. Einer der beiden Jünger heißt Kleopas. Er und sein Begleiter haben nicht das Grab aufgesucht. Sie haben das leere Grab nicht gesehen, auch nicht die Gestalt in hell leuchtender Kleidung, von dem die Frauen erzählten. Sie haben nur davon gehört und können nichts damit anfangen. Gehen sie zurück nach Hause in ihr altes Leben aus der Zeit, bevor sie Jesus kannten? Warten dort vielleicht Frau und Kinder auf sie? Darüber erfahren wir nichts. Sie erzählen sich von den Ereignissen der letzten Tage in Jerusalem. Und dann gesellt sich Jesus zu ihnen. Sie sehen ihn und sehen ihn doch nicht.

Unser Evangelisches Gesangbuch hat auf Seite 202 einen Holzschnitt von Karl Schmidt-Rottluff abgedruckt mit dem Titel „Gang nach Emmaus„. Der Künstler hat es im Jahr 1918 geschaffen, in einer Krisenzeit. Einer der Jünger geht gebeugt und hält die Augen gesenkt, sie erscheinen geschlossen. Er nimmt um sich nichts wirklich wahr. Der andere schaut aus seiner leicht gebeugten Haltung zu Jesus hin, aber es ist kein erkennendes Sehen. „Ihre Augen wurden mit Kraft davon abgehalten, ihn zu erkennen.“ So übersetzt es die Bibel in gerechter Sprache. Ihre Gespräche sind Erinnerungen. So schauen sie nicht nach außen. Sie schauen nach innen. In ihrer Unterhaltung über die Ereignisse der vergangen Tage entstehen innere Bilder, als ob jemand zurückschaut auf das eigenen Leben.

Gang nach Emmaus, Robert Zünd, 1877

Worte des Lebens

Auch die Worte Jesu sind für sie nur Erinnerungen. Es sind Bilder der Erinnerung an Jesus Christus. Es sind Bilder ihrer Hoffnung auf Befreiung. Er hat in ihnen die Hoffnung auf Befreiung genährt. Und es sind Bilder des Schmerzes und der Trauer über seinen Tod. Es sind Bilder der Irritation. Die Frauen am Ostermorgen haben vom Grab zwar neue Bilder erzählt, denen die Männer im Jüngerkreis nicht trauen. Als „Geschwätz“ werden ihre erzählten neuen Bilder abgetan. Auch die Worte Jesu können sie nicht aus ihrer Trauer reißen. Als die beiden Jünger zu Hause ankommen, bitten sie ihren fremden Begleiter als Gast ins Haus mit den uns so wohlbekannten Worten: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich schon geneigt.“ Gemeinsames Essen gehört zur Gastfreundschaft. Sie liegen zu Tisch. Jesus bricht das Brot und reicht es ihnen. Auch diese Geste ist ein inneres Bild aus der Vergangenheit. Es wird in dieser kleinen alltäglichen Geste lebendig und öffnet ihnen die Augen. Sie erkennen unverwechselbar in dieser Geste Jesus. Erst jetzt werden die Worte Jesu auf dem Weg in ihnen lebendig. Ihr Schmerz und ihre Trauer weichen der Freude.

Von Christine Ziehe-Pfennigsdorf

Wo Mut wächst

Welche Gesten ermutigen uns heute in dieser außergewöhnlichen Zeit? Angefangen hat es z.B. mit dem Balkonsingen in Italien. Die Kirchen haben diese Idee aufgenommen und zum abendlichen Gebet und Lied mit oder ohne Kerze am offenen Fenster oder Balkon aufgerufen. Ein Kollege hat aufgerufen, die Geschichten der Bibel Kindern zu erzählen. Eine gute Bekannte hat mit ihrer Idee die Tafel unter den jetzigen Bedingungen in ihrem Ort in die Kirche geholt, damit sie Menschen noch vor Ostern unterstützt. Verwandte und Freundinnen nähen Mundmasken und geben sie weiter. Der scheinbar altmodische Anruf und Brief ist hier und da wieder in Mode gekommen. Gottesdienste sind in den Kirchen nicht möglich, aber viele Gemeinden haben sich schnell umgestellt und andere Wege zu den Menschen gefunden. All dies sind sichtbare und hörbare Gesten der Hoffnung, die uns Mut machen, damit unser Mut wächst. Wer von uns Frauen hätte gedacht, dass dieses Motto in der Frauenarbeit der Nordkirche für die beiden Jahre 2020 und 2021 so aktuell werden würde.

Ich sehe was, was Du nicht siehst… Und das sieht für mich nach Ostern aus – nach Auferstehung mitten hinein in unser verletzliches Leben. Welche Bilder werden wir einmal über das Jahr 2020 erinnern und erzählen?

Eine gesegnete Osterzeit wünscht Ihnen
Pastorin Christine Ziehe-Pfennigsdorf