Ist da Mut gewachsen…?

Ein Kommentar zu „Männerwelten“

von Susanne Sengstock, Frauenwerk der Nordkirche


Shows privater Fernsehsender und deren Moderator*innen sind mir eigentlich egal. Vor Jahren habe ich mal auf Drängen meines Sohnes mit ihm „Joko und Klaas“ angeschaut und fand die Sendung ziemlich dämlich. Derzeit wird ihr Fernsehbeitrag „Männerwelten“ vielfach diskutiert. Joko und Klaas hatten bei einem Spiel gegen ihren Sender fünfzehn Minuten Sendezeit zur Primetime gewonnen. Sie füllten diese Sendezeit mit einem Gang durch die Ausstellung „Männerwelten“. Sie selbst sind allerdings nicht zu sehen. Durch die Ausstellung führt Sophie Passmann, feministische Journalistin und Autorin des Bestsellers „Alte weiße Männer“.

„Männerwelten“ ist eine fingierte Ausstellung zum Thema sexualisierte Gewalt an Frauen. Es ist mutig und bemerkenswert, dass Joko und Klaas Sexismus um 20.15 Uhr offen thematisieren. Mehr als 2 Millionen Menschen sahen den Beitrag im Fernsehen. Bei Youtube wurde er mehr als 3,6 Millionen Mal aufgerufen. Mut ist gewachsen, wenn Sexismus kein Tabu-Thema mehr ist, sondern öffentlich angeprangert wird. Bekannte Moderatorinnen erzählen, wie sie sexuell belästigt werden, unbekannte Frauen in welcher Kleidung sie vergewaltigt wurden.

Natürlich wurde der Beitrag auch kritisiert, u.a. weil in der Ausstellung keine Gewalt an Transfrauen, an nicht-weißen Frauen, keine Partnergewalt thematisiert wird. Und auch Joko und Klaas fehlt es noch an Mut. Denn dass die beiden den Beitrag nicht mit einer Entschuldigung oder einer kritischen Selbstreflexion versahen, ist mehr als bedauerlich. 2012 waren sie nämlich selbst übergriffig und grabschten mit ekelhaften Kommentaren vor laufender Kamera einer Frau an Brust und Po und fanden es noch lustig. Da kann noch mehr Mut wachsen!

Wer die wirklich sehenswerten 15 Minuten sehen möchte, klicke hier:

Männerwelten – Belästigung von Frauen | Joko & Klaas

Aber Achtung: Die Trigger-Warnung zu Beginn ist ernstzunehmen!

Andacht am Palmsonntag

Von Empörung und Verwundbarkeit

Von Susanne Sengstock, Frauenwerk der Nordkirche


Hier die Andacht zum Nachhören:

„Von Empörung und Verwundbarkeit“ – Andacht von Susanne Sengstock

Empörung!

Susanne Sengstock, Leiterin des Frauenwerks der Nordkirche

In einer Videokonferenz empörte sich zuletzt eine Kollegin: „Ich war vorhin einkaufen und im Laden waren ganz viel alte Menschen. Unglaublich! Gerade für diese Menschen nehmen wir derzeit doch all die Einschränkungen in Kauf, und dann gehen die einkaufen. Und dass, obwohl meine Kirchengemeinde einen richtig guten Einkaufsdienst organisiert hat.“

Auch ich kenne eine solche Frau. Meine mehrfachen Angebote für sie einzukaufen, lehnt sie ab. „Ach, ich bin ja eh früh wach und deshalb auch immer die erste morgens im Geschäft.“ Wenn ich dann meine Sorge ausdrücke, pädagogisch korrekt Ich-Botschaften an sie richte, hilft das auch nicht. „Du brauchst dich nicht zu sorgen. Ich bin jetzt 90, hatte ein schönes Leben und wenn ich sterbe, sterbe ich. Dann sind auch endlich meine Rückenschmerzen vorbei.“ Moralisch werden hilft bei ihr auch nicht weiter. „Du weißt schon, dass, wenn du ins Krankenhaus kommst, die Ärzte vielleicht entscheiden müssen, ob du oder eine andere Person an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden soll. Willst du denen das wirklich aufbürden?“ „Ich gehe doch nicht ins Krankenhaus“, wehrt sie dann ab. Ich werde konfrontativ: „Ja, willst du denn jämmerlich zu Hause an einer Lungenentzündung krepieren?“ Jetzt ist sie richtig empört: „Nein, natürlich möchte ich, wie die meisten Menschen auch, friedlich einschlafen. Aber du als Pastorin, du solltest doch wissen, dass Sterben halt auch grausam und mit unerträglichen Schmerzen verbunden sein kann. Hilft ja nichts. Wir alle müssen sterben und es ist gut, dass wir nicht wissen, wann und wie. Was ich möchte ist, dass endlich wieder das Schwimmbad aufmacht, damit ich ins warme Wasser kann. Mein Rücken ist so giftig.“ Empörung.

Im Haus der Armen

Empörung spielt auch im vorgeschlagenen Predigttext für den heutigen Sonntag eine Rolle. Im Markusevangelium im 14. Kapitel wird erzählt, dass eine Frau ins Haus des Aussätzigen Simon in Bethanien kommt, wo Jesus sich mit anderen aufhält. Sie zerbricht ein Gefäß mit teurem Öl und salbt damit Jesus den Kopf. Das empört einige der Anwesenden. Was für eine Verschwendung. Das teure Öl hätte besser verkauft und mit dem Erlös hätten arme Menschen unterstützt werden können. Jesus weist die Kritik zurück: „Bettelarme wird es immer geben. Diese Frau hat meinen Leib für mein Begräbnis gesalbt.“

I will stand with the most vulnerable by Lorie Shaull;
[via wikimedia commons]

In der Auslegungsgeschichte wurde die Szene oft so darstellt, dass hier Männer beim Essen waren, die Frau in diese Männerrunde eindringt und dabei entweder – feministisch ausgelegt – super mutig oder – androzentrisch ausgelegt – absolut liebevoll-hingebend ein Tabu bricht. Aber: Die Frau platzt nicht in ein Männergastmahl hinein, sondern kommt zu einer Gruppe von Bedürftigen. In Bethanien spielt die Szene: Beth ani heißt wörtlich übersetzt Haus der Armen. Kurz zuvor war Jesus schon einmal in Bethanien und verließ den Ort hungrig [Mk 11,12]. Das Haus des Aussätzigen Simons ist kein luxuriöses Anwesen, eher ein Armenhaus oder ein Haus mit Kranken – das liegt ja auch nahe beim Haus eines Aussätzigen. Hier, an diesem Ort, ist das Leben in Gefahr. Jesus und die anderen sitzen in dieser Szene also nicht am Tisch beim Essen, sondern liegen erschöpft am Boden. Das meint das verwendete griechische Wort katakeisthai. Hier sind Menschen zusammen, die Hunger haben, erschöpft sind. Die Empörung über die Verschwendung von teurem Öl ist damit besonders verständlich und die Frage nach Solidarität liegt auf der Hand. Welche Bedürfnisse haben Vorrang? Essen, das den Hunger stillt, oder heilsame Rituale? Kann das eine gegen das andere stehen?

Jesus ermutigt, sich um Arme und Bedürftige zu kümmern. „Ihr könnt Gutes tun“, sagt er, aber er hält ebenso daran fest, dass die Frau eine gute Tat getan hat und verheißt, dass sich überall Menschen an sie erinnern werden. Für mich eröffnet Jesus hier einen Raum für Diskussion über brennende Fragen, ohne jedoch endgültige Antworten zu geben. Fragen wie: Wie gehen wir um mit Armut, mit Hunger?  Wie halten wir es mit Solidarität und wo sind ihre Grenzen auch aufgrund von eigenen Bedürfnissen? Welche Rolle spielt Erinnerung für eine Gemeinschaft? Welche rituellen Formen für Trost und Zuversicht haben wir? Wie verstehen wir Leid und Sterben auch und gerade angesichts von Bedrohung und Endlichkeit? Sehr aktuelle Fragen.

Verwundbar sein – Mensch werden

Palmkätzchen in der Reifung by AnKobs;
[via wikimedia commons]

Tod und Sterben kommen uns jedes Jahr in der Passionszeit ganz nahe. An diesem Sonntag vielleicht noch näher. Diese Zeit macht bewusst, dass Menschen verletzlich, verwundbar, endlich sind.

Heike Springhart, diesjährige Referentin beim Norddeutschen Forum Feministische Theologie, meint, dass wir Menschen erst dadurch, dass wir verletzlich und verwundbar sind, zu liebes- und vertrauensfähigen Menschen werden und fähig werden zu Respekt, Verantwortung und Sensibilität. Dieses Menschenbild ist eigentlich durch und durch christlich und doch ist es mutig so zu reden, denn in unserer Kultur ist eher die Unverwundbarkeit das Maß aller Dinge. Was aber, wenn wir erst dann wirklich solidarisch werden können, wenn wir um unsere eigene Verletzlichkeit wissen und sie am eigenen Leib gespürt haben? Verwundbarkeit ist eine Grundbedingung unseres menschlichen Lebens. Krankheit und Sterben sind daher kein Scheitern, sondern Ausdruck von Menschlichkeit. Damit werden Krankheit, Sterben und Leiden nicht weniger schmerzlich. Menschen leiden mitunter fürchterlich, aber sie verlieren dadurch nicht das, was sie als Menschen ausmacht.

So sehe und verstehe ich auch die 90 jährige Frau. Ihre Empörung über meine Empörung hat mich ins Nachdenken gebracht. Sie redet das Sterben weder schön noch macht sie es mies. Sie sieht ihr Leben und auch das Sterben sehr realistisch. Sie weiß nicht, wie ihr Sterben wird, aber dass es kommt. Bald. Sie hegt die Hoffnung, dass ihre Schmerzen ein Ende haben. Und diese wunderbare Hoffnung auf Überwindung hilft ihr im Leben und vielleicht auch im Sterben.

Andacht am Sonntag Lätare

„Bleiben Sie gesund!“

Von Susanne Sengstock, Frauenwerk der Nordkirche


Hier die Andacht zum Nachhören:

„Bleiben Sie gesund!“ – Andacht von Susanne Sengstock

„Bleiben Sie gesund!“ – „Bleiben Sie behütet!“

Susanne Sengstock, Leiterin des Frauenwerks der Nordkirche

„Bleiben Sie gesund“, so beenden derzeit etliche Moderator*innen ihre Sendungen, nachdem sie ausführlich über die immense Ausbreitung des Corona-Virus berichtet haben. Der Wunsch ist nett und gut gemeint, klingt aber auch sehr skurril in meinen Ohren. Im kirchlichen Raum werden Mails jetzt oft mit „Bleiben Sie behütet“ beendet. Hinter diesem Wunsch steht ein Gottesbild von einem gütigen Gott, der uns umfängt, behütet, uns in allen Situationen des Lebens beisteht. Kirchlich engagierte Menschen geben mit dieser und anderen Formeln ihrem Glauben Ausdruck und wollen damit anderen Menschen Mut zusprechen. Viele Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche erwarten in Zeiten wie diesen ja auch und vor allem von Kirche Zuspruch und tröstliche Worte. Ich merke, auch mir kommen solche Wünsche über die Lippen und gleichzeitig sträubt sich etwas in mir. Religiöse Formeln, Voten, Segensworte, geprägte und überlieferte Gebete gehören auch zu meiner Frömmigkeit, aber was, wenn ich nicht gesund bleibe, z. B. weil ich schon jetzt gar nicht gesund bin? Und: Passt das Behütetbleiben eigentlich zu meinem jetzigen Gottesbild, das ja immer wieder in Bewegung gerät?

Die Wirksamkeit der Gotteskraft

Ich liebe es, mich mit biblischen Texten und biblischen Wörtern auseinanderzusetzen. Ein solches Wort ist das griechische dynamis, das im Neuen Testament eine große Rolle spielt. Dynamis heißt so viel wie Kraft, Energie, göttliche Dynamik. In den Heilungsgeschichten der Evangelien beschreibt dynamis die Wirksamkeit der Gotteskraft. Es ist eine Gotteskraft, die bewegt und aufrichtet. Ein anderes wichtiges Wort in den Heilungsgeschichten ist sozein. Übersetzt heißt es gesund machen, aber auch heilen, retten, in die Gottesbeziehung hineinnehmen. In den meisten deutschen Bibelausgaben wird das Wort gesund machen genommen. Jesus macht Menschen auf Grund ihres Glaubens wieder gesund. Was aber ist mit Menschen damals und heute und morgen, die trotz Glauben und Vertrauen krank werden und nicht gesunden? Haben die zu wenig geglaubt, falsch gebetet, ist da nicht genügend Fürbitte von anderen gekommen?  Die Neutestamentlerin Ulrike Metternich warnt davor, sozein nur auf das individuelle körperliche Gesundwerden zu beziehen. Sozein meint vielmehr: Gottes Nähe, Gotteskraft in einer gottlosen Zeit zu spüren, eine Kraft, die etwas mit mir macht, darum geht es.

Ferdinand Hodler, Valentine Godé-Darel im Krankenbett

Biblische Geschichten sind Kollektiv-Texte

Die Heilungsgeschichten des Neuen Testaments sind in einer Krisenzeit aufgeschrieben worden. Ein Krieg war vorbei, ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung tot, viele geflohen, in Kriegsgefangenschaft oder versklavt. Nicht nur Jesus starb am Kreuz, viele andere Menschen wurden mit dieser Hinrichtungsmethode ebenso umgebracht. Mit diesen Erfahrungen hörten, schrieben und lasen Menschen die Heilungsgeschichten und bezogen das, was geschah, auch auf sich und auf ihre Gemeinschaft. Biblische Geschichten sind für mich nie nur individualistisch zu lesen und zu verstehen. Sie sind Kollektiv-Texte, die theologische und politische Inhalte haben. Inmitten des Elends ist Gott erfahrbar, Gotteskraft erzählbar. Durch die Erzählungen werden immer mehr Menschen hineingenommen in die Gottesbeziehung, die Gemeinschaft als solche erfährt Gotteskraft, die aufrichtet. Das ist ein Reden und Denken von Gott, das mich heute anspricht. Da steckt Dynamik drin.

Ostern als Fest des dynamis-Geschehens

Wenn ich in diesen Tagen sehe, wie es knospt und zu blühen beginnt oder wenn ich erklärt bekomme, wie der menschliche Körper Antikörper entwickelt und dann Viren ausschalten kann, dann kann ich Gott nicht böse sein, dass die Welt gerade so ist, wie sie ist. Dann komme ich vielmehr ins Staunen. Ich glaube, dass Gott auf dieser Welt gemeinsam mit uns Menschen und dem mehr-als-Menschlichen unterwegs ist, und zwar sehr dynamisch. Wenn Menschen krank werden (und schlimmsten Falls auch nicht gesunden), dann liegt das nicht daran, dass sie zu wenig geglaubt, falsch gebetet oder zu wenig Fürbitte hatten. Ich glaube auch nicht an einen Gott, der/die mit Krankheit straft. Auch wenn Menschen über alle Zeiten hinweg sich so Leid erklärten und erklären und dies ebenfalls in biblischen Texte festgehalten haben. Doch für heute merke ich: Berichte von Menschen, die erzählen, dass und wie sie Gottes Nähe erfahren haben, berühren mich sehr und sprechen mich mehr an als tröstende Worte und gutgemeinte Wünsche. Deshalb möchte ich sensibel und aufmerksam bleiben für die Erfahrung, dass sich die Wirkkraft Gottes ausbreitet, wenn Menschen auf sie vertrauen, von ihr erzählen – ganz unabhängig davon ob sie gesund, krank, fromm, groß, klein oder sonst was sind – in diesen und auch in anderen Zeiten. Theologisch gesprochen ist das, was dabei geschieht, Auferstehung. Vielleicht wird Ostern, das Fest der Auferstehung, mir dieses Jahr als Fest des dynamis-Geschehens besonders in Erinnerung bleiben, nämlich dann, wenn die dynamis spürbar politisch und gemeinschaftlich heilsam wirken kann. Das wäre schön.