Worte des Gedenkens

Zum 75. Jahrestag der Befreiung des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück

Von Franziska Pätzold, Frauenwerk der Nordkirche


Hier der Text zum Nachhören:

„Worte des Gedenkens“ – von Franziska Pätzold

Das Interreligiöse Gedenken in Ravensbrück

„Uns alle eint das Wissen, dass wir nicht voraussetzungslos leben, sondern bestimmt sind durch unsere Geschichte. Was hier in Ravensbrück und an all den anderen Leidensorten während der Nazizeit geschehen ist, rührt uns menschlich an. […] Uns verbindet das Wissen, dass wir diese Trauer aushalten müssen – weil das das Mindeste ist, was wir den hier gequälten und getöteten Menschen schuldig sind. Und auch weil das Wissen um Ravensbrück […] wichtig ist, um unsere Gegenwart besser zu verstehen und zu gestalten.“

Mit diesen, inzwischen programmatisch gewordenen Worten eröffneten Iman Andrea Reimann, Vorsitzende des Deutschen Muslimischen Zentrums in Berlin, und Rabbinerin Dr. Ulrike Offenberg im Jahr 2018 das Interreligiöse Gedenken in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück.

Franziska Pätzold

Auch in diesem Jahr hätte morgen, am 19. April, im Rahmen des Gedenkwochenendes zum 75. Befreiungstag des Konzentrationslagers ein Interreligiöses Gedenken stattfinden sollen, geplant und vorbereitet durch die Zukunftswerkstatt Interreligiöses Gedenken Ravensbrück. Auch diese Veranstaltung wurde Corona-bedingt abgesagt. Gedenken wollen und werden wir dennoch an diesem Tag – das stand für alle Beteiligten schnell fest. Aber wie? Ein weiterer Livestream? Eine weitere Videokonferenz?

Das Gedenken 2020

Inzwischen haben viele in unserer Runde Erfahrungen mit diesen Formaten des virtuellen Zusammenseins gemacht und – bei allem Positiven und allen Möglichkeiten – erscheinen sie uns doch nicht als passende Form für das Gedenken. Die echte Begegnung, die direkte Kommunikation vor, nach und während des Gedenkens, sowie der intensive Austausch zwischen allen Beteiligten in der vorbereitenden Zukunftswerkstatt, machen das Eigentliche, das Besondere, das Lebendige des Interreligiösen Gedenkens aus. Dr. Thomas Würtz, Mitwirkender in der Zukunftswerkstatt und Referent für den christlich-muslimischen Dialog an der Katholischen Akademie in Berlin, brachte unsere Überlegungen schließlich so auf den Punkt:

„Insofern finde ich ein nicht abgehaltenes Gedenken als analoge Leerstelle wichtiger als die digitale Teilkompensation. Die Leerstelle macht deutlich, was fehlt und zeigt uns, wohin wir zurück wollen: In die Freuden der realen Begegnung auch bei schwierigen Anlässen, wie in unserem Fall.“

Keine digitale Teilkompensation also, sondern eine analoge Leerstelle – aber verbunden mit einem kleinen, digitalen Zeichen. Dazu sammelten wir Worte, die uns als Mitwirkenden in der Zukunftswerkstatt für das Interreligiöse Gedenken, sowie für Gedenken überhaupt wichtig geworden sind.

Worte des Gedenkens

Worte des Gedenkens, Zukunftswerkstatt Interreligiöses Gedenken Ravensbrück

Gedenken – Wir – Aufmerksamkeit – Verantwortung – Gerechtigkeit – Menschlichkeit – Frieden – Morgen – Gestern – Heute – Veränderung – Vielfalt – Leben – Erinnern – Befreiung – Gestalten – Erneuerung – Freundschaft – Solidarität – Demut – Liebe – Begegnen – Mitleiden – Teilen – Suchen – Finden – Traditionen – Gott – Gebet – Kreativität – Geist

Diese Worte, die uns bewegen, die uns wichtig sind und Antrieb, ordnet das Computerprogramm zufällig in eine Form. Wobei – die Anordnung ist zufällig, die Form jedoch nicht. Die Socken sind Teil dessen, was in diesem Jahr im Mittelpunkt des Interreligiösen Gedenkens hätte stehen sollen. Sie sind zum Sinnbild unserer Auseinandersetzung mit dem Thema Arbeitsbedingungen in Zwangsarbeit von KZ-Inhaftierten geworden – konkret am Beispiel des KZ Ravensbrück und seiner Außenlager.

Erinnerungsstücke

„Mit fünf „Stricknadeln“ aus Draht lernte Batsheva Dagan stricken, die diese Socken 1945 im Ravensbrücker Außenlager Malchow anfertigte. Sie trug sie bis zur Befreiung. Anfang 1945 war Batsheva Dagan aus Auschwitz-Birkenau in das KZ Ravensbrück deportiert und kurz darauf in das Außenlager gebracht worden. Dort überzeugte sie gemeinsam mit sieben Freundinnen die SS von der Notwendigkeit eines „Bastel-Kommandos“. Die Frauen haben aus Lumpen Zöpfe geflochten und zu Fußmatten zusammengenäht. Auf diese Weise erhielten sie eine Extraportion Suppe. 2007 stiftete Batsheva Dagan die Socken der Gedenkstätte.“

Dr. Sabine Arend, Mitwirkende in der Zukunftswerkstatt und Leiterin der Museologischen Dienste der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück

Dieser kurze Einblick in die Geschichte von Batsheva Dagan berührt mich auf ganz unmittelbare Weise. Es ist noch etwas da aus dieser grausamen Zeit. Etwas, das dem Leben diente: ein paar Socken. Entstanden unter widrigen Bedingungen wurden sie ein Symbol des Überwindens und Überlebens. In gleicher Weise sind sie aber auch ein Symbol für die Ausbeutung so vieler KZ-Gefangener überall in den Lagern und Fabriken des NS-Regimes – die unzähligen Socken, die Frauen in Zwangsarbeit für die Wehrmachtssoldaten strickten.

„Sockenschuss“

Von der Zwangsarbeit erzählen auch die wenigen Überreste des ehemaligen Ravensbrücker Außenlagers Grüneberg, wo sich eine Munitionsfabrik befand. Im Projekt Grüneberg ERINNERT engagieren sich junge Erwachsene, um diese Geschichte des Ortes wieder freizulegen und zurück ins Gedächtnis zu rufen. Gemeinsam mit Jugendlichen aus dem Kirchenkreis Oberes Havelland wollten sie für das diesjährige Interreligiöse Gedenken eine Performance entwickeln, die beispielhaft Bezug nimmt auf eben diese, in Zwangsarbeit hergestellten Werkstücke: Munition und Socken. Der Titel des Gedenkens lautete, beides verbindend, Sockenschuss. Aus den Fäden aufgeräufelter Socken sollten Netzwerke gespannt werden zwischen den Gedenkenden als Zeichen der Verbundenheit in aller Verschiedenheit. Diese Ideen werden wir nun mitnehmen für die Vorbereitung des Gedenkens im nächsten Jahr.


Informationen zur Zukunftswerkstatt:

In der Zukunftswerkstatt Interreligiöses Gedenken Ravensbrück treffen sich drei- bis viermal im Jahr muslimische, jüdische und christliche Frauen und Männer. Neben der Entwicklung von Gedenkformen, die für Menschen aller Weltanschauungen anschlussfähig sind, rückt die Frage danach wie heute Gedenken gestaltet werden kann immer stärker in den Mittelpunkt. Mit der Beteiligung junger Menschen – Schüler*innen, Jugendliche und junge Erwachsene verschiedener Projekte und Initiativen – spannen wir den Bogen von den inhaftierten, ausgebeuteten, gequälten und ermordeten Frauen und Männern der Vergangenheit zu einer Generation junger Menschen und damit hinein in eine Gegenwart, in der nur noch wenige Zeitzeug*innen leben und die mit ihren Themen und politischen Entwicklungen Einfluss hat auf die Art und Weise unseres Gedenkens. Dies gelingt gerade dadurch, dass die Werkstatt eine Werkstatt im wahrsten Sinne ist und bleibt. Immer neue Interessierte engagieren sich, allein oder mit ihrem Projekt. Einige bleiben der Zukunftswerkstatt länger verbunden. Alle werden gehört und ihre Ideen werden aufgenommen. Tragender Grund ist eine Atmosphäre des Miteinander- und Voneinander-lernen-wollens und das Vertrauen, dass daraus etwas Gutes wird.

INFOrmationen zum KonzentrationsLager Ravensbrück:

Ansicht vom Barackenlager mit Barackenreihe 2 und 3 des Frauen-KZ Ravensbrück, um 1940.
Dieses Foto wurde vom Turm der Kommandantur aufgenommen mit Blick auf Teile des zuerst gebauten Lagers (l.) und der Erweiterung (r.). Letzteres war zunächst durch eine Mauer abgetrennt. Am vorderen Abschnitt der Mauer erstreckt sich der Zellenbau, das Lagergefängnis.
Im Vordergrund rechts ist das Wirtschaftsgebäude mit seinen Schornsteinen der Häftlingsküche zu sehen. Rechts im Bild ist die Lagerstraße 1  zu erkennen.
[Fotograf/in unbekannt, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Foto-Nr. 1643]

Von 1939 bis 1945 war Ravensbrück das zentrale Frauen-Konzentrationslager des NS-Regimes. Mehr als 120.000 Frauen und Kinder aus über 30 Ländern sowie 20.000 Männer und 1.200 weibliche Jugendliche wurden dorthin verschleppt. Zu dem Lagerkomplex gehörten, neben dem Frauenlager, ein kleineres für Männer, zahlreiche Außenlager, das Siemenslager und das „Jugendschutzlager“ Uckermark. Mindestens 28.000 Häftlinge wurden hier durch die Haftbedingungen umgebracht. Am 30. April 1945 wurde das Konzentrationslager befreit. Die Mahn- und Gedenkstätte lädt jedes Jahr zu einem Gedenkwochenende mit zahlreichen, auch internationalen Veranstaltungen ein.

Informationen zum GEdenken 2020:

Das rbb-Fernsehen überträgt am 19. April 2020 um 10.15 Uhr live aus der katholischen Gedenkkirche Maria Regina Martyrum einen Gedenkgottesdienst, der an diesem Tag eigentlich in Sachsenhausen hätte stattfinden sollen. Darin wird auch auf die ausfallenden Gedenkveranstaltungen in Ravensbrück Bezug genommen.

Hier geht es zum Livestream: rbb-Fernsehen

Und hier geht es zur Internetseite der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück: ravensbrueck-sbg.de